In Marketing - Test, V - AUFSCHWUNG-Messe

Damit die Gründung nicht zum russischen Roulette wird

Am letzten Samstag hatte ich die Möglichkeit, Prof. Faltin vor knapp 100 Besuchern auf der AUFSCHWUNG 2009 zu interviewen. Mein erstes Fazit: Es ist immer wieder sehr erfrischend, mit Querdenkern zu sprechen, die nicht nur konträre Ideen zum Mainstream haben, sondern es Tag für Tag erfolgreich vorleben. Faltin hat nicht nur ein dutzend Unternehmen beim Start geholfen, sondern auch viele Serial Entrpreneurs hervorgebracht, die ständig Neues schaffen.

Was hat mich an den Aussagen von Prof Faltin besonders beeindruckt? Faltin spicht in Bildern. Und genau damit fesselt er seine Zuhörer in wenigen Minuten. So vergleicht er die Gründung eines Unternehmens, wie es viele vorleben, mit russischem Roulette, nur mit dem Unterschied, dass beim russischen Roulette die Todeswahrscheinlichkeit bei unter 20 % liegt, die Wahrscheinlichkeit des Scheiterns eines Gründers allerdings bei mehr als 80 %. Und genau deshalb muss die Art und Weise geändert werden, wie heute gegründet wird.

Faltin vergleicht den erfolgreichen Entrepreneur mit einem Komponisten. Seine Aufgabe bestünde nicht darin, selber die Musikinstrumente zu spielen, sondern die Musiker zu finden und zu dirigieren, die gemeinsam ein Meisterstück vollbringen. Deshalb empfiehlt Faltin das „gründen mit Komponenten“. Der Entrepeneur sollte nicht ein Produkt selber herstellen, sondern die Produktion von einem Auftragsunternehmen erledigen lassen, ebenso die Logistik, Buchhaltung und Bürodienstleistungen. Dadurch falle nur Kosten an, wenn man auch Einnahmen erzielt.

Die Konsequenz: Man kann den Markttest im „real live“ durchführen. Sollte man dann feststellen, dass die Idee doch nicht von den Massen angenommen wird, kann man ohne große Verluste und Kapitaleinsatz den „geordneten Rückzug“ vornehmen. Natürliich sollte man nicht einfach loslegen, sondern seine Idee genau durchdenken, bis sie „rund ist“. Gerade bei Alltagsprodukten ist die Marktforschung ganz einfach: Wenn die Freunde und Bekannte das Produkt nicht kaufen würden, dann funktioniere es auch im Großen nicht. Ansonsten hält Faltin nichts von Marktforschung, sondern nur von echten Markttests, wenn also der Kunde sein Geld ausgibt.

Ganz spannend ist auch die Aussage von Faltin, wie man sich vor Nachahmern schützen kann: Baut eine Marke auf und seid mit niedrigen Margen zufrieden. Denn wenn die Nachahmer das Produkt gar nicht so günstig wie man selber anbieten können, weil deren Overheadkosten viel höher sind, dann hat man eine sehr gute Chance, sich langfristig am Markt zu behaupten. Diese Argumentation ist einfach bestechend, auch wenn es dem Mainstream widerspricht. Und genau deshalb ist das Konzept von Faltin erfolgreich, weil es eben zu „einfach“ ist und viele Regeln auf den Kopf stellt.

Warum präsentiert Faltin vornehmlich Beispiele aus dem Konsumgüterbereich? Weil diese Produkte täglich von Millionen Menschen nachgefragt werden und man zudem seine Idee skalieren kann. Man kann konkret groß werden (hinsichtlich des Umsatzes und Gewinnes) und dabei ganz klein bleiben (hinsichtlich der Fixkosten und Anzahl der Mitarbeiter im eigenen Unternehmen). Im Dienstleistungssektur ist es schon viel schwerer, aber nicht ausgeschlossen, Ideen beliebig zu skalieren. Es ist allerdings schwieriger, die richtigen Partner zu finden, mit denen man bei geleichbleibender Qualität wachsen kann.

Jetzt bleibt eigentlich nur noch eine Frage: Wie finde ich das Ideenkonzept, das mich reich macht. Zwei Antworten hätte ich parat: Schaut Euch im Alltag um, welche Produkte überteuert angeboten werden oder abonniert diesen Blog. Denn hier präsentiere ich täglich neue Ideen. Eure Aufgabe besteht „nur“ darin, sie neu zu kombinieren und auch umzusetzen. Klingt zu einfach? Das ist der Haken: Das Einfachachheitsprinzip erscheint den meisten zu „einfach“ und damit stehen sich viele selber im Weg. Das muss nicht sein!

12 Responses to Damit die Gründung nicht zum russischen Roulette wird

  1. Naja, neu ist die Idee von dem Herrn nicht, zumindet mir nicht. Aber das ist das Hauptproblem unseres Landes. Hier werden Dinge hoch gepriesen die ach so neu und bahnbrechend seien, obwohl sie es nicht sind.

    Dafür werden die wirklich neuen Dinge erst gar nicht angesehen – was der Bauer nicht kennt, frisst er nicht …

    Schade eigentlich, denn dadurch geben wir anderen, flexibleren, Ländern einen Vorsprung den die nicht haben müssten.

    Gerhard Zirkel

  2. Baut eine Marke auf und lasst die restliche Arbeit (Produktion, Logistk, Buchhaltung etc.) die Anderen machen. Klint gut, vora allem wenn man weiß, wie man Marken aufbaut und führt. Doch darf nicht vergessen werden, dass das Wissen alleine, wie man eine Marke aufbaut nicht reicht. Ich denke man muss auch wissen, wie genau Buchhaltung funktioniert und wie genau die Produktion oder Logistik abläuft, sonst wird´s eng.

  3. Wenn die Diskussion kein Beweis dafür ist, dass Prof. Faltin ein Querdenker ist.

    Die Idee ist wirklich nicht neu. Outsourcing wird in Großbetrieben schon seit Jahrzehnten durchgeführt. Trotzdem nutzen das Prinzip noch viel zu wenige Jungunternehmer. Deshalb sollte man über gute Dinge auch dann berichten, wenn sie alt sind.

    Ich gebe Christian Maria Recht, dass man sich nicht blind auf seine Partner verlassen sollte. Ein Grundwissen ist nötig. Allerdings sollte man nicht den Versuch unternehmen, in allen Bereichen Spezialist zu werden. Das funktioniert nicht mehr.

  4. Philipp sagt:

    @ Gerhard Zirkel

    Gute Ideen sollten verbreitet werden. Ob alt oder neu ist doch irrelevant.

  5. Nils Tißen sagt:

    @Christian: Herr Faltin ist nach eigener Aussage gar kein Befürworter von Marken. Für ihn kosten sie nur Geld und sind ein äußerst empfindlicher Punkt im Unternehmen. Faltin setzt auf einfache Ideen und faire Kosten. Outsourcing ist das Hilfsmittel der Wahl, um speziell zum Start Risiken klein zu halten.

    Selbst wenn die Idee nicht neu ist, so hat er ihr mit seinem Buch zu einer gewissen Popularität verholfen.

  6. @Nils: Ob gut oder schlecht. Alles ist eine Marke. Sie, dieses Blog, unser Land oder der Metzger um die Ecke. Sie meinen vermutlich eher die Arbeit der teueren Werbeberater und PR-Berater, die zum Teil Sinn macht. Sofern das Produkt gut ist und das Unternehmen nachhaltig wirtschaftet. Zum größeren Teil ist das Geld einfach nur zum Fenster herausgeworfenes Geld, weil viele Werber aber auch PR-Leute ein Produkt bewerben, ohne dieses oder das Corporate Behavior eines Unternehmens zu hinterfragen und noch besser zu ändern oder einfach nur den Auftrag abzulehen. Mut braucht Ideen. Ideen machen Mut. Und die einfachsten Ideen funktionieren meist am besten.

  7. […] Damit die Gründung nicht zum russischen Roulette wird (Best-Practice-Business) schönes Nachwort zur Aufschwung-Messe letztes Wochenende. Finde persönlich diesen Vergleich zum russischen Roulette sehr gelungen. […]

  8. Nils Tißen sagt:

    @Christian: So leicht ist das nicht. Sicher bietet vieles eine Grundvoraussetzungen zur Marke, das heißt aber lange nicht, dass alles eine Marke ist oder werden könnte. Der Begriff ist leider in den letzten Jahren immer weiter zur Schlachtbank geführt worden und wird – ohne das persönlich zu meinen – häufig falsch verwendet: Die Begriffe Identität und Marke müssen deutlich von einander Abgegrenzt werden.

    Was ich jedoch meinte ist Faltins Einstellung zu diesem Thema. Einer Identität zur Marke zu verhelfen und sie zu pflegen kostet Geld und birgt Risiken. Hat man ein hervorragendes Produkt, ist die Investition Marke gegebenenfalls nicht mehr in dem Maße nötig, sie kann deutlich günstiger gehalten werden. Die Teekampagne wäre hier ein gutes Beispiel.

    Meine Meinung dazu ist noch einmal anders: Für mich sind Marken richtig eingesetzt und aufgebaut ein sinnvolles Unterscheidungsmerkmal für Verbraucher. Ein Wegweiser im Land der Produktvielfalt. Schwierig daran ist nur, dass sowohl gute als auch schlechte Produkte mit Markenzeichen ausgestattet in den Wettbewerb gehen und Märkte zunehmend unübersichtlicher werden.

  9. […] Prof. Faltin eine Stunde zu seinem Konzept “Gründen mit Komponenten” vor Publikum zu befragen (Lesern dieses Blogs und des Faltin-Buches “Kopf schlägt Kapital” brauche ich das […]

  10. […] Produktionsstätte und viel Kapital zu gründen und nachhaltig zu etablieren? Nach der Theorie “Gründen mit Komponenten” von Prof. Faltin ist das heute kein Problem mehr. So hat das auch Harry Marx gesehen, der sich vor […]

  11. […] Entwickeln Sie einfach ein Geschäftsmodell, das mit wenig Fixkosten verbunden (mehr Infos dazu hier) ist und sie in die Lage versetzt, dass Sie das Geld vom Kunden bekommen, bevor sie es an […]

  12. […] Damit die Gründung nicht zum russischen Roulette wird (Best-Practice-Business) schönes Nachwort zur Aufschwung-Messe letztes Wochenende. Finde persönlich diesen Vergleich zum russischen Roulette sehr gelungen. […]

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