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In Crowdfunding

4 Irrwege der deutschen Crowdinvesting-Szene

Es gibt wieder viel aktuellen Diskussionsstoff in der Crowdinvestingszene. So hat in der letzten Woche das Bundesministerium für Finanzen den Referentenentwurf für das Kleinanlegerschutzgesetz vorgelegt. Das German Crowdfunding Netzwerk hat in einem ersten Blogpost die Relevanz und Auswirkungen für die Crowdinvesting-Szene dargestellt. Es wurde stolz dargestellt, wie dank der Lobbyarbeit Ausnahmeregelungen für die Crowdinvestingszene erreicht werden sollen. Eine ausführliche Stellungnahme des Networks folgt zeitnah.

Meine Hoffnung ist, dass dadurch insgesamt eine Diskussion angestoßen wird, was alles gut und nicht so gut in der deutschen Crowdinvestingszene läuft, auch außerhalb des Gesetzesumfeldes. Ich möchte dazu meinen Beitrag leisten und auf aktuelle Irrwege hinweisen (in einem weiteren Artikel will ich auf mögliche Chancen hinweisen, die noch nicht ergriffen wurden). Dabei verweise ich auch gerne auf Ideenimpulse und Diskussionen an anderer Stelle. Die folgende Auflistung ist sicherlich nicht vollumfänglich, aber hoffentlich ein guter Anfang. Let`s go!

Irrweg 1: Ungesunde Gier: schneller, höher, weiter
Coskun Tuna bringt das in einem aktuellen Artikel schön auf den Punkt: „Es geht nicht mehr nur darum (schnellstmöglich) das nötige Geld von Anlegern einzusammeln, sondern so viel wie möglich.“ Ich kann mich dem nur anschließen. Es gibt StartUps, deren Produkt ist noch nicht auf den Markt, sie sammeln aber jetzt schon so viel Geld wie möglich ein. Das ist verständlich, aber riskant, weil bei einem Flop viel mehr Geld als nötig von Dritten verbrannt wurde. Das kann im schlimmsten Fall die ganze Szene in Gefahr bringen. Hier sind alle gefordert, aber vor allem die Betreiber von Crowdinvestingplattformen, weil sie im schlimmsten Fall ihr eigenes Grab schaufeln.

Irrweg 2: Zu viel Werbung, zu wenig Aufklärung
Die Zeit hat diese Woche einen Artikel mit dem Titel „Der Eiskrieg“ veröffentlicht. Verkürzt geht es darum, dass einem Gründer vorgeworfen wird, Ideen von ehemaligen Geschäftspartnern übernommen zu haben, ohne sie am Erfolg zu beteiligen. Ich kann und will diesen Fall nicht rechtlich bewerten (das tun laut Zeit-Artikel wohl auch Anwälte und Gericht), aber moralisch habe ich Bauchschmerzen. Darüber hätten aus meiner Sicht die Crowdvestoren vorher informiert werden sollen. Eine Lösung wäre, dass alle Gründer und Partner einen lückenlosen Lebenslauf abgeben und veröffentlichen müssen, um evtl. Risiken und Konflikte frühzeitig zu erkennen. Zudem müsste die Entstehungsgeschichte der Idee wahrheitsgemäß und ausführlich dargestellt werden (keine PR-Texte bitte). Es geht nicht alleine um die rechtliche, sondern um die moralische Bewertung, die jeder Investor durchführen können muss (aus meiner Sicht).

Irrweg 3: Vermittlung von Kapitalanlagen unter dem „Label“ Crowdinvesting
Crowdinvesting ist mehr als die Vermittlung von Beteiligungskapital. Es geht darum, dass sich die Crowdinvestoren aktiv einbringen können und sich somit mit dem StartUp und deren Aktivitäten identifizieren sowie diese unterstützen können. Sehr kritisch finde ich, wenn nun Crowdinvestingplattformen damit beginnen, auf ihrer Plattform oder unter ihrem Label Kapitalanlagen vermitteln (z.B. in Immobilien oder erneuerbare Energieprojekte). Jeder muss selbst entscheiden, ob er sein Geschäftsfeld erweitert, aber ich sehe ein Problem in der Vermischung. Denn damit könnte die ganze Crowdinvestingszene in Schwierigkeiten geraten, wenn zu vieles in „einen Topf gesteckt“ wird und es in einem Segment Verwerfungen geben sollte.

Irrweg 4: Fehlende Risikosensibilität und Risikomanagement
Viele Initiatoren von Crowdinvestingplattformen sind Quereinsteiger. Sie haben keine Bankausbildung oder einschlägige Erfahrungen in der Finanzbranche. Genau dadurch schaffen Sie es, ganz neue disruptive innovative Ansätze zu finden. Etwas Angst habe ich davor, dass dabei die nötige Risikosensibilität an der einen oder anderen Stelle auf der „Strecke bleibt“. Aus meiner Sicht sollte in jeder Geschäftsführung und AR mindestens ein Banker, Risikomanager oder Finanzierungsspezialist sitzen, um auf mögliche Fehlentwicklungen frühzeitig einwirken zu können. Wenn z.B. Kapitalanlagen angeboten werden (ich spreche ausschliesslich nicht von Risikobeteiligungen an StartUps), sollte ein Risikotopf aufgebaut werden, aus dem man sich bei einzelnen Ausfällen bedienen kann, evtl. auch firmenübergreifend. Smava zeigt seit Jahren, wie das funktionieren kann.

Ich hoffe, damit eine Diskussion in die richtige Richtung angestossen bzw. verstärkt zu haben. Denn der StartUp-Szene konnte aus meiner Sicht nichts besseres passieren, als der aktuelle Crowdinvesting-Boom, der noch viel Entwicklungspotenzial hat. Allerdings sind die Gefahren nicht zu unterschätzen, durch Fehlentwicklungen den ganzen Boom zu gefährden. Das wäre nicht gut für die gesamte StartUp-Szene. Jetzt kann noch schnell entgegen gesteuert werden. Es ist noch nicht zu spät.

3 Responses to 4 Irrwege der deutschen Crowdinvesting-Szene

  1. Tom sagt:

    Mir fehlt in der Auflistung z.B. noch die Bewertung von Ideen.

    Da scheint sich eine Facebookmainstream breit zu machen. 560 Millionen Gewinn, ~~ ergibt~~ einen Börsenwert von 190 Milliarden .-). Liest man von so manchem Startup die Swot“ naja…. ?!

    Ideen, die für den Start mal Maximal 100 000 Euro kosten, werden gleich mal mit
    10 000 000 Euronen bewertet. Null Umsatz, Gewinn der den Wert dann bestätigen soll, nach BP schon im dritten Jahr.

    Wer „Kleinanleger“ schützen will hat was nicht verstanden! Wer ernsthaft glaubt aus 500 Euro werden mal schnell in ein zwei bis drei Jahren 50 000 Euro – der sollte Schatzsucher werden und muss nicht geschützt werden.

    Crowds gibt es nun schon einige Jahre. Welche dieser tollen Ideen hat so toll funktioniert? Wo sind die Erfolgsmeldungen ? Ich lese viel über die und die und jene Idee, die über die Crowd finanziert wurde – aber wenig bis nix – was hat es dem EINZELENEN z.B. 500 Euro ANlEGER gebracht?

    Crowds sind „Spender“ und keine Anleger – die Spenden für eine Idee – sind „emotional ev. mit einem „Goody“ dabei – mehr auch nicht.

    Einfacher wäre es die Szene frei zu geben. eine neue Rechtsform für Crowdfinanzierte Unternehmen zu etablieren,analog zum Verein mit Spendenberechtigung – Maximal 100 00 Euro, maximale Spende je Spender 1000 Euro – „“steuerlich sofort absetzbar.“““

    Hat der Verein Erfolg – Umwandlung in GmbH,KG, oder AG mit Option für die Spender auf Wandlung der Spende in Anteile – nach Unternehmenswert. Von den Spendern findet sich vielleicht auch ein richtiger Investor 🙂

    Der „Wunsch“ nach Regulation zum „SCHUTZ“ der „Anleger“ ist der Versuch erwachsene Menschen vor sich selbst zu schützen….Na, da frag ich mich schon wo der Schutz so alles mal nicht funtioniert hat :-)!!

  2. biotechster sagt:

    Crowdfunding ist eine alternative Möglichkeit, Kapital aufzunehmen, obwohl die Finanzmärkte zu sind. Schwierig ist tatsächlich die Zeitschiene und deshalb ist Crowfunding auch nicht für jedes Start-Up geeignet. Im Biotechnologie-Bereich muss man so ein Invest gut und gerne 10-15 Jahre durchhalten können. Außerdem spricht man dort auch von ganz anderen Beträgen, die Crowdfunding so nicht leisten kann. Ein Ansatz für die Biotechnologie und vielleicht auch für andere ist die Projektfinanzierung durch Crowdfunding. Man hat definierte Zeiträume, ein definiertes Ziel etc. und das Risiko für Investoren wird geringer.

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