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Mass Customizing für Tabletten durch Blisterkonzept

Die Firma Kohl Medical ist einer der größten Importeuere für Arzneimittel in Europa. Da das Markt- und Wettbewerbsumfeld nicht gerade eine rosige Zukunft verspricht, ist Kohl Medical auf der Suche nach neuen Geschäftsfeldern. Mit der Gründung der Firma Assist Pharma will man jetzt durchstarten. Das Angebot besteht darin, alle Pillen eines Patienten für den Bedarf einer Woche in speziellen Blisterverpackungen nach Tageszeiten vorzusortieren und abzupacken. Dafür soll sich der Patient für eine Hausapotheke entscheiden, die alle Rezepte gebündelt erhält und dann an Assist Pharma weiterleiten soll. Der Patient soll anschliessend innerhalb von 24 Stunden seine individuellen Packungen erhalten.

Mit dieser Verblisterung soll verhindert werden, dass der Patient wichtige Medikamenten vergisst oder Packungen kauft, deren Inhalt er nicht komplett benötigt. Man könnte vereinfacht vom Pillen-Mass-Customizing sprechen. Die Mehrkosten für die Verblisterung betragen ca. 3 EUR pro Verpackung. Laut Assist Pharma könnten die Behandlungskosten von Folgeerkrankungen, die darauf zurückzuführen sind, dass Arzneimittel falsch oder gar nicht genommen werden, deutlich reduziert werden. Die Barmer Ersatzkasse schätzt die Zahl der Krankenhauseinweisungen, die durch Arzneimittelunverträglichkeiten und unerwünschte Wechselwirkungen verursacht werden, auf jährlich bis zu 300.000. Durch die Verblisterung könnte auch verhindert werden, dass weiterhin nicht gebrauchte Arzneimittel auf den Müll landeten. Dadurch könnten laut Schätzungen von Assist Pharma die Arzneitmittelausgaben um bis zu 6 % gesenkt werden.

Im Rahmen eines Pilotprojektes beziehen bisher Pflegeheime im Saarland diese Blisterverpackungen mit dem „maßgeschneiderten“ Inhalt. Wenn es nach den Wünschen von Assist Pharma geht, sollen im Jahr 2008 bereits über 600.000 chronisch kranke Patienten (nur hier macht die Verblisterung Sinn) so individuell versorgt werden. Insgesamt käme eine Zielgruppe von bis zu 5 Millionen Patienten in Deutschland für dieses System in Frage. Dafür werden derzeit viele Gespräche mit Krankenkassen, Pharmaherstellern und Apotheken geführt. Selbst die Gesundheitsministerin informierte sich schon vor Ort und auch andere Politiker zeigten sich vom System begeistert. Gemäß akutell geplanter Gesundheitsreform soll auch erstmals das Aufbrechen und Umfüllen von Originalpackungen erlaubt sein, was bisher ein rechtliches Hindernis dieser Idee war.

Die meisten Experten, ob Sachverständige, Verbandsvertreter der Apotheken und Krankenkassen zeigen sich meist noch zurückhaltend bis skeptisch. Sie stellen insbesondere das Einsparungspotenzial in Frage und vermuten eher sogar weitere Kostenerhöhungen bei Einführung des Systems. Auch vom erfolgreichen Einsatz des Systems in Schweden vor zehn Jahren und positiven Erfahrungen zeigen sich die meisten Experten wenig beeindruckt. Die größten Verlierer der Verblisterung wären auf jeden Fall die Azneimittelhersteller. Denn sie müssten nicht nur wegen der verringerten Absatzchancen mit Gewinneinbussen rechnen. Vielmehr käme Assist Pharma mit 400 von derzeit rund 50.000 gängigen Präparaten aus! Das könnte für viele Anbieter überteuerter Medikamente schmerzhaft werden.

Die erste Krankenkasse, die laut Assist Pharma ernsthafte Gespräche aufgenommen hat, ist die Barmer Ersatzkasse. Das könnte der Druchbruch für Assist Pharma bedeuten. Denn wenn erst einmal einer der Big Player zuschlägt, folgen meist auch viele andere in kurzen Abständen. Jedoch gibt es auch andere Anbieter, wie die Versandapotheke Sanicare, die schon seit Jahren die Verblisterung vorbereiten und mit vielen Partnern in ernsthaften Gesprächen seien. Sie werden sicherlich nicht die letzten sein, die sich ein dickes Stück vom lukrativen Kuchen abschneiden wollen.

Weitere Hintergrundinformationen zum dem Thema gibt es in einem aktuellen FTD-Artikel und im Pressebereich von Assist Pharma.

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6 Responses to Mass Customizing für Tabletten durch Blisterkonzept

  1. […] Vor genau einem Jahr habe ich über Mass Customizing für Tabletten berichtet. Das Angebot der Firma Assist Pharma besteht darin, alle Pillen eines Patienten für den Bedarf einer Woche in speziellen Blisterverpackungen nach Tageszeiten vorzusortieren und abzupacken. Somit zahlt der Patient nur die Tablettenemenge, die er wirklich braucht und es kann im Vorfeld durch die Apotheke (als exklusven Vertriebspartner) geprüft werden, ob der Tablettenmix evtl. schädlich ist. […]

  2. […] Ihnen das Konzept bekannt vor? Vor zwei Jahren habe ich hier im Blog über das Blisterkonzept der Assist Pharma berichtet. Im Rahmen dieses Angebotes erhalten die […]

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