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Buchbesprechung „Deutschland im Innovationsstau“ von Jürgen Stäudtner

Deutschland ist immer noch ein Land der Erfinder. Wir melden immer noch sehr viele Patente an, wenn wir auch weltweit gesehen nicht mehr Erfinderweltmeister sind. Allerdings gelingt es zu wenigen Erfindern, ihr Patent auch zu Geld zu machen. Aber nur wenn eine Erfindung sich am Markt durchgesetzt hat, darf sie als Innovation bezeichnet werden. Doch wer fällt uns ein, wenn wir heute an innovative Unternehmer und Unternehmen denken? Google, Apple, Tesla Motors, Virgin und Co. Woran es liegt, dass wir in Deutschland nicht zu den Innovationsführern in der Welt gehören und wie man das ändern könnte, damit beschäftigt sich der Innovationsberater Jürgen Stäudtner in seinem neuen Buch „Deutschland im Innovationsstau: Wie wir einen neuen Gründergeist erschaffen“.

Hauptsächlich beschäftigt sich Stäudtner in seinem Buch damit, was alles in deutschen Unternehmen schiefläuft. Zum Schluss ruft er dazu auf, es in Zukunft anders zu machen. Um kein langweiliges Fachbuch abzuliefern, hat sich Jürgen Stäudtner mit Herrn Bäumler eine „Romanfigur“ einfallen lassen. Im Buch wird unterhaltsam beschrieben, wie Herr Bäumler als Angestellter Innovationen in seinem Unternehmen voranbringen will und dabei scheitert. Es wird eindrucksvoll beschrieben, wie schnell die Leidenschaft abhanden kommen kann, die junge Führungskräfte mitbringen, wenn sie in ein Unternehmen einsteigen. Es wird gezeigt, wie schwer es Regelbrecher im Unternehmen haben und welchen geringen Stellenwert Kundenversteher im Unternehmen haben. Das sind alles perfekte Voraussetzungen, um die aktuellen Trends (z.B. Digitalisierung) zu verpassen und nur noch Verwalter alter Erfolge zu werden.

Doch wie kann man nun eine neue Gründerzeit erschaffen? Die Lösung von Jürgen Stäudtner lautet: Gründer werden. Doch die Voraussetzungen stehen auch nach seiner Sicht schlecht, dass in Deutschland wieder eine neue Gründerzeit eingeläutet wird, wie es mal die Herren Siemens, Daimler, Oetker und Co. gemacht haben. Eine Begründung liefert er im Buch gleich mit: „Die meisten reichen Deutschen haben ihr Vermögen geerbt oder konnten sich ins gemachte Nest begeben. Deutsches Geld ist also relativ altes Geld. Das hat massive Auswirkungen auf das Denken der Eigentümer der Firmen, der Investoren. Während gerade in Großbritannien und Amerika die Reichsten laufend Schlagzeilen mit gewagten Investitionen machen, herrscht bei uns Funkstille. Wenige vermögende Deutsche investieren mustig. Dazu zählen die Tengelmann-Familie Haub sowie die Verleger-Familien Springer, Holtzbrinck und Burda.“

Die Ursachenanalye von Jürgen Stäudtner (Mikro und Makro) ist nicht neu. Und echte Lösungen bietet er leider auch nicht an, außer zu zeigen, wie man Innovationen in Unternehmen erfolgreich umsetzen könnte. Aber er macht uns Hoffnung, dass es bald besser werden könnte zum Beispiel dank der Trends Crowdsourcing und Crowdfunding. Sein Lieblingserfolgsbeispiel ist die virtuelle Oculus Rift VR Brille. Im August 2012 habe die Erfinder knapp 2.500.000 USD auf Kickstarter eingesammelt und ihr Unternehmen im März 2014 für 2,5 Mrd. USD an Facebook verkauft. Demnach bleibt zu hoffen, dass der Crowdfundingtrend auch in Deutschland Fahrt aufnimmt bzw. wir via Kickstarter und Co. den Zugang zur weltweiten Crowdfundingcommunity erhalten. Fazit: Entweder kommt Amerika zu uns oder wir müssen Amerika entgegenkommen.

Ich persönlich vermisse im Buch weitere Gedankenspiele (sowie es im Buchtitel versprochen wird). Aus meiner Sicht sollte es es neue Initiativen für Unternehmerstiftungen geben, die sich verpflichten, neue Innovationen nach vorne zu bringen. Solche Stiftungen könnten in innovative StartUps investieren, ohne das Ziel zu haben, eine bestimmte Mindestrendite erzielen zu müssen. Auch sollten solche Stiftungen intensiver mit Hochschulen zusammenarbeiten oder Uni-Innovationsstiftungen aufgebaut werden. Und das Thema Mentoring sollten mehr nach vorne gebracht werden, um hier nur zwei Beispiele zu bringen, wie das von Stäudtner beschriebene Problem lösen könnte. Schliesslich gibt es auch zu diesen Bereichen genug Best-Practice-Beispiele. Aber vielleicht wird das ja in einem nächsten Buch näher behandelt 🙂

Und natürlich müsste auch das Thema Innovation in Schulen und Hochschulen mehr und richtig behandelt werden. Laut einer Studie der Professoren Dyer, Gregersen und Christensen aus dem Jahr 2009 brauchen Innovatoren fünf Fähigkeiten (die weitestgehend erlernbar sind), wie Stäudtner passend in seinem Buch beschreibt:

  • Fragen: Bekanntes Wissen in Frage stellen
  • Beobachten: Kunden, Lieferanten und Wettbewerber prüfen, um neue Wege zu finden
  • Assoziieren: Nicht verbundene Fragen, Probleme oder Ideen kombinieren
  • Netzwerken: Menschen treffen, die andere Ideen, Hintergründer oder Perspektiven haben
  • Experimentieren: Unorthodoxe Antworten provozieren, um neue Erkenntnisse zu gewinnen

Wenn man sich näher mit dem Buch von Stäudtner beschäftigt, stellt man fest, dass er zahlreiche Impulse bietet, auch wenn er mögliche Lösungsvorschläge nicht bis zu Ende durchdenkt. Wer noch mehr Impulse sucht, findet die im Blog von Jürgen Stäudtner. Wer jetzt auf den Geschmack gekommen ist, der kann hier die Video-Lesereihe des Autors einsehen. Und wer noch mehr Inspiriationen sucht, wird in meiner Rubrik „Innovationen“ fündig. Hier stelle ich zukunftsfähige Innovationen (auch aus Deutschland) vor, echte Innovatoren und Vordenker sowie wichtige Tipps rund um Thema.

6 Responses to Buchbesprechung „Deutschland im Innovationsstau“ von Jürgen Stäudtner

  1. Tom sagt:

    Eine Erklärung zum „Innovationsstau“ findet sich in der Frage der obigen in Folie 13 🙂

    Leider gibt es für die Frage keine EINE Antwort – auch nicht im Buch.

    Der Hinweis gibt einen trefenden „Blick“…

    …Das Beispiel:
    Oculus Rift VR Brille =2.500.000 USD auf Kickstarter eingesammelt und ihr Unternehmen im März 2014 für 2,5 Mrd. USD an Facebook verkauft……

    Können die Burdas,Springers, Holztbrinks und Co nicht richtig „gucken“?

    Hm….Auf was warten wir?….Auf DEN Weitblick? Auf DAS Fernglas für DEN Weitblick? … Das Problem steckt im Wort „warten“ 🙂

    [ geiler Captcha Code hier ] !!

  2. Ein Paradies, in dem es keine Innovationen gäbe, das wäre ja die Hölle.

    Hans-Jürgen Quadbeck-Seeger

  3. Es scheint mir ein typischer Wesenszug von uns, dass wir gerne eine Formel hätten, die alles erklärt. Vor allem suchen wir eine Formel, die uns sagt was wir machen sollen.

    Aber die ein Antwort um Deutschland von allem Unbill, in diesem Fall mangelder Lust auf Innovation, zu heilen gibt es nicht. Genau deshalb habe ich darauf verzichtet, meine Schlussfolgerungen und Lösungsvorschläge im Detail zu präsentieren.

    Und natürlich schreibe ich nichts neues: Deutschland im Innovationsstau ist ein Buch für jedefrau und jedermann, das erklärt wo wir anders vorgehen sollten. Aufbauend auf neuester Forschung. Ich beanspruche nicht für mich, dass ich in der Lage wäre all das, an dem Kohorten von Forschern im Moment arbeiten, alleine herausgefunden zu haben.

    Aber viele dieser Erkenntnisse haben den Weg in die Praxis noch nicht gefunden. Ich meine: Die meisten.

    Was der Autor dieser Rezension vermisst, wird mir anderswo hoch angrechnet. Deshalb danke ich „Tom“. Loslegen statt warten!

  4. Hallo Herr Stäudtner,

    ein Blog ist dafür da, eine Grundlage für Diskussionen zu schaffen. Scheint mir gelungen zu sein 🙂

    Ich bin (leider) kein Pressemitteilungsportal, dass ohne Reflektion ein Buch bespricht. Zudem lese ich vorher gerne das ganze Buch durch.

    Auf Mikroebene (Unternehmensebene) haben Sie viele wertvolle Anregungen gemacht. Auf Makroebene vermisse ich das. Warum? Weil der Untertitel „Wie wir einen neuen Gründergeist schaffen“ bei mir entsprechende Erwartungen geweckt hat.

    Ist das ein Problem? Nein, weil wir das auf vielen Ebenen, auch hier im Web, weiter diskutieren können.

    P.S.: Schade, dass ein kritischer Absatz in den Vordergrund der Diskussion rückt. Ist wohl auch eine typisch deutsche Krankheit 🙂

  5. Hallo Herr Schneider,

    das kann ich nachvollziehen – es war nicht einfach, einen Titel zu wählen. So ganz passt er wohl nicht 😉

    Es ist gut, dass sie keine Pressemitteilungen veröffentlichen. Diese will ja keiner mehr lesen. Ihre Anregungen nehme ich gerne mit, auch wenn ich noch nicht weiß, wann das nächste Buch erscheint …

  6. Gerne möchte ich jetzt Input einbringen, wie man die Gründerfreudigkeit in Deutschland erhöhen kann (nur meckern gilt nicht :-).

    Dazu möchte ich auf einen Artikel bei mir aus dem Jahr 2009 verlinken: http://www.best-practice-business.de/blog/existenzgrundung/2009/07/14/9624/. In diesem Artikel habe ich darüber berichtet, dass damals das Bundesministerium für Wirtschaft und Technologie (BMWi) ein Forschungsinstitut mit der Durchführung des Projekts „Neue Handlungspotenziale zur Erhöhung von Zahl und Qualität nachhaltiger Unternehmensgründungen in Deutschland“ beauftragt hatte. In diesem Zusammenhang ich 10 Vorbildprojekte vorgestellt, die in dieser Studie vorgestellt wurden.

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