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Insolvent und trotzdem erfolgeich: Ein Wiedersehen mit Anne Koark

Wir waren schon Early Birds, als wir Anne Koark im Januar 2004 zu einem m-e-x Unternehmerdialog nach Frankfurt am Main eingeladen haben. Anne Koark war damals mit Ihrem Unternehmen „Trust in Business“ (Accelerator und Büroservice) gescheitert, weil den hohen Mietbelastungen aus dem 500 qm Büro am Münchner Flughafen keine entsprechenden Einnahmen gegenüberstanden, nachdem der 11. September 2001 und der Irak-Krieg die Auslandsaktivitäten ihrer amerikanischen Kunden gegen null tendieren liess. Allerdings konnte sie schon bei der Veranstatlung in Frankfurt wieder lächeln und gab mir mit vollem Selbstbewusstsein eine Visitenkarte, auf der stand: „Anne Koark. Pleitier.“ In ihrer schwierigsten Phase nach der Pleite schrieb sie das Buch: „Insolvent und trotzdem erfolgreich.“

Das war der Startschuss zu einer zweiten Karriere als Buchautorin und Referentin. Zudem hat sie den Verein „Bleib im Geschäft e.V.“ gegründet, um Unternehmern vor, während und nach ihrer Insolvenz menschlichen Beistand zu leisten. Gestern gab es ein sehr herzliches Wiedersehen. Selbst an Ihrem Geburtstag machte sie nicht frei und erzählte Ihre Geschichte vor mehr als 60 Teilnehmern im Rahmen des Gründerforums Kelkheim des Vereins zur Förderung von Selbständigkeit. Obwohl draußen tropische Temperaturen herrschten, gelang es Ihr in Sekunden, die Zuhörer in ihren Bann zu ziehen. Sehr anschaulich und mit sehr viel Herzblut erzählte Sie von Ihren Unternehmenserfolgen, Ihrer Insolvenz und der Zeit danach.

Definitiv würde sie sich nicht noch einmal so hohe Fixkosten (Miete für 500 qm Bürofläche am Münchner Flughafen) für eine solch lange Zeit (Mietzeit 10 Jahre) an die „Backe knallen“, ohne entsprechende Rücklagen oder garantierte Fixeinnahmen zu haben. Zudem würde sie noch früher mit Ihren Lieferanten über ihre Notsituation sprechen, da die meisten Geschäftspartner viel hilfsbereiter sind, als man sich das je vorstellen kann. Der Kaffeelierant hat sogar weiter geliefert und die Ausgaben als Werbeausgaben verbucht. Nachdem ein Leser des Buches diese Story gelesen hatte, hat er sich für seine mehr als 20 Backshops genau für diesen Kaffeelieferanten entschieden. So kannte sich Anne nachträglich für diese enorme Hilfsbereitschäft bedanken. Auf jeden Fall würde sie wieder zu einem professionellen Anwalt gehen und sich helfen lassen, da man sonst in viele rechtliche und finanzielle Fallen tappen kann.

Erschreckend war ihre Info, dass bereits 50 % der Psychatriepatientien von Krankenhäusern, in den Sie als Referentin zu Gast war, gescheiterte Unternehmer waren. Und 60 % der Menschen, die bei Ihrem Verein BIG anrufen, haben Selbstmordabsichten geäußert. Der aus RTL II und WDR bekannte Fernsehfinanzcoach, Jurist und Schuldnerberater Michael Requardt zeigte in seinem Vortrag vor Anne Koak auf, dass das Leben längst nicht zu Ende sein muss, wenn man als Unternehmer gescheitert ist. Er hat die einzelnen Wege der Insolvenzarten (Privatinsolvenz, Regelinsolvenz, etc) prägnant beschrieben und die potentielle Angst vor solch einem Verfahren schnell vertreiben können. Vielmehr warten aus seiner Sicht viel zu viele Unternehmer viel zu lange, bevor sie Insolvenz anmelden. Erschreckend war, dass nach seiner Schätzung 3 – 8 Mio. Menschen insolvent sind oder von der Insolvenz gefährdet sind.

Wer cool genug sei, der könnte nach Ansicht von Requardt auch mit Hilfe der Webseite www.insosoft.de den Insolvenzantrag gegen eine geringe Gebühr zwischen 250 – 350 EUR abgeben und das Verfahren durchstehen. Mit einem Schmunzeln wies er darauf hin, dass diese Webseite von ihm initiiert und betrieben wird. In der Regel empfiehlt er aber den Gang zum Rechtsanwalt mit einem Kostenaufwand von ca. 1.500 – 2.000 EUR. Schuldnerberater dagegen seien meist heillos überbucht und könnten auch meist Selbständigen, die insolvent gehen würden, nicht weiterhelfe. Wie ich diese Wocher erfahren habe, gibt es auch in Österreich eine passende Webseite zu dem Thema: www.unternehmer-in-not.at. Dank solcher Portale und der Rechtssituation haben heute viele Unternehmer, die gescheitert sind, eine reelle zweite Chance. Aus der Sicht von Anne Koark fehlt nur noch eine Bank speziell für Restarter.

8 Responses to Insolvent und trotzdem erfolgeich: Ein Wiedersehen mit Anne Koark

  1. Esther sagt:

    Ich finde nichts beeindruckender, wenn jemand nach einem Fall wieder aufsteht und irgendwann mit dem Erlernten Neues beginnt. Es kann nicht jeder gleich beim ersten Versuch Erfolg haben, aber jeder kann sich selbst eine zweite Chance geben. Leider wird in unserer Gesellschaft ein Scheitern oft so negativ gesehen, dass man demjenigen die Kompetenz für alles zukünftige abspricht – eine schlechte Eigenschaft. Dabei ist es ja die Erfahrung, die uns lehrt, es besser zu machen. Ich finde es schlimmer, einen Traum nicht ausporbiert zu haben, als bei der Verwirklichung des Traumes, zu scheitern. Daher hoffe ich, dass ich nicht gleich in der Psychatrie lande, wenn es schlecht läuft…

  2. Hört sich sehr sehr interessant an, gibt`s evtl. einen Mitschnitt von der Veranstaltung, der veröffentlicht werden könnte?

  3. Hallo Esther,

    deshalb brauchen wir genau solche taffen Menschen wie Anne Koark, die das Tabuthema Insolvenz aufgreifen, bekannt machen und Lösungsansätze entwickeln. Wie Anne ja schon gesagt hat, fehlt jetzt u.a. eine Bank für Restarter. Solch eine Bank könnte von Stiftungen gegründet werden, die von erfolgreichen Unternehmen aufgebaut wurden. In dieser Bank könnte engagierte Banker ehrenamtlich arbeiten. In Österreich gibt es dafür ein gutes Beispiel, siehe http://www.best-practice-business.de/blog/?p=2008.

    Hallo Andreas,

    nach meiner Kenntnis gibt es von diesem Vortrag leider kein Tonmitschnitt, da dieser in der Stadthalle von Kelkheim stattgefunden hat, in der jetzt keine moderne Aufnahmetechnik eingebaut ist. Ich werde aber noch einmal mit den Machern Kontakt aufnehmen und nachfragen.

    Mein Tipp: Anne Koark sollte man auf jeden Fall live erleben. Leider ist der Veranstaltungskalender von ihr derzeit sehr dünn, siehe http://www.insolvenzseite.de/koark/component/option,com_eventlist/Itemid,38/. Aber das kann man ja ändern, indem man sie einlädt 🙂 Und dann sollte man unbedingt beim Get to Gether hinterher bleiben. In Kelkheim waren wir nur noch 10 Menschen beim Get to Gether im Biergarten. Dort erhält man die wichtisten Infos und kann in einen intensiven Dialog mit Anne Koark eintreten. Das lohnt sich. Ich wundere mich, wie wenige Menschen an dieser Königsdisziplin des Networkens teilnehmen.

  4. Witzig. Ich habe Anne Koark vor einigen Jahren in meinem Büro kennen lernen dürfen. Peter von Felbert hat Fotos gemacht von ihr, für ihr Buch. Wir haben uns damals auch länger unterhalten. Es war sehr aufschlussreich. Ich möchte zu bedenken geben, dass die Business Idee von Ihr damals sehr gut war und diese nur zum kippen kam, weil es den 11. September gab. Somit ist die Schuldfrage hier nicht bei Anne Koark zu suchen. Höhere Gewalt müsste man eigentlich sagen. Und so müsste sich auch der Rechtsstaat in einem solchen Fall verhalten. Tut er aber nicht. Und das erging vielen so. Man fühlt sich selbst schuldig, dabei sind Dinge passiert, mit denen niemand gerechnet hat: 11.September, die TEURO Einführung, Basel 2, das platzen der New Economy Blase und das abschmieren ganzer Branchen, auf lange Sicht. Somit ist ein überwiegender Großteil der Insolvenzen der letzten 5 Jahre nicht zu vermeiden gewesen. Es lag nicht an der Qualität der Businessmodelle. Auch wenn viele so tun. Diese Leute trifft keine Schuld. Trotzdem zahlen sie die Zeche. (Was ein Herr Schremp nicht leisten muss) Aber alle tun so als ob diese Leute Schuld währen und die Insolvenz durch grob fahrlässiges Fehlverhalten herbeigeführt hätten. Ich habe da in meinem Umfeld ganz anderes erlebt, als grob fahrlässig, sondern den langen, verzweifelten Kampf die Existenz aufrecht zu halten. Was für viele zu einem Zeitpunkt dann unmöglich wurde. Und genau da setzt Anne Koark an. Und das war und ist für viele eine große Unterstützung.

  5. Hallo Christof,

    dank Dir für diesen Hinweis und gleichzeitigen Denkansatz. Es ist absolut zutreffend, dass die externen Faktoren Anne „ein Bein gestellt“ haben. Hätte Sie allerdings eine GmbH gehabt und nicht für die Mietschulden privat gebürgt, hätte sie sich wahrscheinlich mit einen hellblauen Auge aus der Affäre ziehen können. Zudem hat sie selber im Vortrag am Montag eingeräumt, dass es ein Fehler war, den Büroservice anzubieten, weil sie dadurch so hohe Fixkosten „an der Backe hatte“. Gewisse Engagements darf man eben nur machen, wenn man die nötigen Rücklagen oder garantieren Fixeinkommen hat. Hier machen übrigens viele Wachstumsunternehmen einen riesigen Fehler. Ich habe mal ein Krisenunternehmen betreut, die in ihrer guten Zeit Rücklagen für mehr als zwei Jahre hatten. Durch das Eingehen hoher fixer Verbindlichkeiten (Miete, neues Personal) hatten sie auf einmal nur noch Rücklagen für drei Monaten, dann brach Ihnen der Hauptkunde (Umsatzanteil > 60 %) weg und zudem gab es eine Branchen- und Konjunkturkrise. Mit den „alten Rücklagen und Belastungen“ hätten sie die Krise überlebt.

    Erschreckend ist allerdings, wie mit solchen Menschen, die sowieso am Boden zerstört sind, weil „Ihr Baby gestorben ist“, umgegangen wird. Ihre Story vom Arbeitsamt war der Hammer. Ihr wurde zu Beginn das Arbeitslosengeld (sie hatte aus einer früheren angestellten Tätigkeit Anspruch) verweigert, weil sie sich gegenüber dem Insolvenzverwalter für drei Monate Weiterarbeit ohne Gehalt committete und damit aus der Sicht des Arbeitsamtes nicht für den Arbeitsmarkt zur Verfügung stand. Sozialhilfe bekam sie nicht, weil sie auf dem Papier noch Wohungseigentum hatte, das längst verpfändet war. Das ist der eigentliche Skandal aus meiner Sicht.

    Ich persölich finde es prima, dass Anne Koark ihr Schicksal angenommen hat und mit soviel Power und Charme gegen die Verhältnisse kämpft. Übrigens: Das neue Insolvenzrecht hilft dabei enorm, denn die Gläubiger werden demnach nach sechs bzw. sieben Jahren enteignet.

    Persönlich gefreut habe ich mich, dass Anne wieder so herzerfrischen lachen kann und wieder „mitten im Leben steht“. Bei unserem ersten Treffen im Januar 2004 kam Sie mir noch wie eine angeschlagene Boxerin vor, die zwar kämpfte, aber noch etwas orientierungslos war.

  6. Persönlich haftend oder eine Gesellschaft geht den Bach herunter sind natürlich zwei Welten, aber mein Kind kann natürlich beides sein. Wer steht schon gern mit leeren Händen da.
    Wenn man mutig ist und was riskiert und es funktioniert, dann wirst du von allen gefeiert. Somit hätte Anne Koark mit Ihrer Idee auch genau richtig liegen können, ohne die ganzen Umstände und würde jetzt den bayrischen Innovationspreis erhalten und von der Süddeutschen zur Unternehmerin des Jahres gewählt werden.
    Früher war Insolvenz noch wesentlich mehr selbstverschuldet. Deshalb auch der fade Beigeschmack. Heute muss man das anders sehen. Differenzierter. Da gibt es seit dem Jahr 2001 im Schnitt ca. 50.000 Insolvenzen im Jahr, von denen man sagen kann dass kein grob fahrlässiges Verhalten ausgegangen ist. Da haben Menschen bis zum letzten EURO an eine Idee geglaubt, gekämpft, waren mutig, haben was riskiert. Aber alles das ist in einem so schlechten Umfeld einfach nicht aufgegangen. Somit ist mein learning, Insolvenz ist nicht gleich Insolvenz. So denkt aber nicht die Öffentlichkeit, nicht die Medien und nicht die Banken und die Wirtschaft. Die denken immer da kommt ein looser. Dabei kommt da oftmals einer der jetzt weiß was alles passieren kann. Und wie man auch durch schwere Zeiten ein Unternehmen manövriert.
    Also wenn ich mit Kunden oder neunen Lieferanten rede frage ich gerne: Was war ihre größte unternehmerische Niederlage? Wenn da nichts kommt, dann kommt es auch zu keiner Zusammenarbeit. Wenn da was kommt, dann weiß ich schon mal, dass da jemand beide Seiten derselben Medaille kennt. Und hoffe dass er daraus gelernt hat.

  7. Hallo Christof,

    es ist aus meiner Sicht noch ein weiter Weg, bis gescheiterte Unternehmer, die wieder aufstehen und etwas Neues versuchen, in der Gesellschaft nicht nur anerkennt werden, sondern als Helden gefeiert werden. Denn was passiert denn, wenn jeder ein Leben lang „liegen bleibt“ und nichts mehr unternimmt?

    Wenn das gelingt, dann könnte endlich auch mit dem Tabu „Insolenz“ „gebrochen“ werden. Ich sehe hier insbesondere bei Stiftungen eine Handlungsaufforderung, etwas zu unternehmen.

  8. Argentina sagt:

    Selbstverständlich ist es ein mühsamer Weg als gescheiterter Unternehmer erfolgreich erneut 1. Anzufangen und 2. erfolgreich weiterzumachen. Nur wer aus Fehlern wirklich gelernt hat schafft sich ein solides Fundament für die Zukunft. Nur allzugern würde ich an einer Ihrer Referate teilnehmen.

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