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Warum die Erfinder des Null-Sterne-Hotels Fliegen in Deppendorf gerettet haben

Auch oder gerade Künstler haben immer wieder gute Ideen für außergewöhnliche Marketingaktionen. So überraschten die schweizer Künstlerzwillinge Frank und Patrik Riklin im Jahr 2008 mit der Aktion „Null Stern Hotel“. In Kooperation mit der Gemeinde Sevelen entstand das weltweit erste Null Stern Hotel als lustvolle Erweiterung des gängigen Hotelangebots. Das Low-Budget-Hotel bot ein innovatives Nischenprodukt in mehrheitlich leerstehenden Luftschutzanlagen der Schweiz in Form einer Kunstinstallation. Es gab sogar die Idee, das Ganze als Franchise zu vermarkten. Zumindestens konnte die Serienreife im Echteinsatz gefeiert werden und viel PR-Aufmerksamkeit sowie lukrative Preise eingeheimst werden.

Nach dem Erfolg ist es etwas ruhiger um die schweizer Künstlerzwillinge geworden. Doch jetzt haben sie sich wieder eindrucksvoll zurückgemeldet, wie ein PR-Mitteilung von heute vermeldet: Die Konzeptkünstler Frank und Patrik Riklin lancierten letzte Woche mit einem deutschen Dorf ihren nächsten
Coup: Dieses Mal nicht im System der Hotellerie, sondern im System der Industrie für Insektenbekämpfung. Der Bielefelder Unternehmer für Insektenbekämpfungsmittel, Dr. Hans-Dietrich Reckhaus, beauftragte die Künstler, eine Idee zum Markteintritt einer neuen Fliegenfalle zu entwickeln. Denn seit über 50 Jahren entwickelt und produziert die Reckhaus GmbH & Co. KG als mittelständisches Familienunternehmen in Bielefeld Produkte zur Insektenbekämpfung. Die kompromisslose Devise der Künstler lautete: Retten statt Töten. Die Kernfrage lautete „Wie viel Wert hat eine Fliege?“

Die am 1. September 2012 durchgeführte Aktion „Fliegen retten in Deppendorf“ stellte die Insektenwelt auf den Kopf. Diese hatte zum Zweck, die Welt der Insekten für einmal umzudrehen: Retten statt töten, so die Empfehlung der Künstler. In diesem Zusammenhang wurden am Samstag, 1. September 2012 in Deppendorf Fliegen gerettet und in ein extra für die Aktion produziertes, artgerechtes Fliegenhaus gebracht. Insgesamt wurden 902 Fliegen gerettet. Kuriosum: Letzten Sonntag ist eine der geretteten Fliegen mit ihrem Retter für drei Tage zum luxuriösen Wellnessurlaub gestartet. Der Gewinner, seine Freundin und die Siegerfliege wurden zunächst mit einem Helikopter zum Flughafen Paderborn Lippstadt gebracht. Dort hat auch die Stubenfliege Erika offiziell als Flugbegleiterin mit einem eigenen Ticket eingecheckt.

Das Fliegenhaus mit den 901 Fliegen bleibt vorerst in Deppendorf und ist auf dem Hof von Gundula Diering untergebracht. Dort werden die Fliegen nach biologischen Anweisungen gepflegt. Gemäss dem Biologen Stephan Liersch wird der Deckel nach ca. 6 bis 8 Wochen gehoben, um die Nachkömmlinge
dritter Generation in die „ungerettete Welt“ zu lassen. Das Fliegenhaus der Aktion „Fliegen retten in Deppendorf“ soll so lange aufrecht erhalten bleiben, bis die 901 Fliegen und ihre „Kinder“ abgelebt haben. Ansonsten würde das Fliegenhaus zum Zuchthaus – und das war nie die Idee. Anschliessend wird das Fliegenhaus als „corpus delicti“ in das Verwaltungsgebäude von Dr. Hans-Dietrich Reckhaus
verlegt. Mit Voranmeldung ist eine Besichtigung möglich.

Mittlerweile geht die Aktion weit über eine vermeintliche Werbeaktion hinaus. So hat sich der Geschäftsführer der Reckhaus GmbH & Co. KG zusammen mit den Künstlern Frank und Patrik Riklin die Frage gestellt, wie viele Insekten durch seine Produkte getötet werden und welcher ökologische Wert diese
Insekten für den Lebensraum haben. Und sie haben sich zugleich die Frage gestellt, wie man einen Ausgleich für ebendiese Insektenvernichtungsmittel schaffen kann. Insektenfreundliche Lebensräume zu errichten, um der Natur das wieder zu geben, was vorher durch seine Produkte entzogen wurde, hat sich der Unternehmer aus Bielefeld fortan gross auf die Fahne geschrieben. Seit kurzem garantiert das Gütesiegel „Insect Respect“, dass für die mit einem Produkt bekämpften Insekten ein insektenfreundlicher Lebensraum als Ausgleich geschaffen wurde.

Das erinnert an die Firmen, die sich via „CO2-Ablasshandel“ ein gutes Gewissen erkaufen wollen. Insofern kann man auch vermuten, dass die Künstler mit der Einführung des „Insect-Respect“-Siegels nicht nur einen nachhaltigen Marketingeffekt realisieren, sondern auch versteckte Gesellschaftskritik üben wollten. Denn es reicht heute längst nicht mehr, mit einem vermeintlichen Gütesiegel zu präsentieren, dass man Gutes tut. Und ein nettes Viralvideo verpufft auch. Letztlich zählt die Einbindung solcher Aktionen in eine nachhaltige Unternehmensstrategie. Am meisten haben sich natürlich die Künsterzwillinge selbst ein Denkmal mit dieser Aktion geschaffen. Wenn ich die nächste PR-Mitteilung von den Jungs bekomme, werde ich sie auf jeden Fall aufmerksam durchlesen. Aber Achtung: Dieser Artikel ist mit einem Augenzwinkern zu versehen. Achtung Satire.

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