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Überlebensstrategien von Buchhandlungen

Vor kurzem haben ich mich hier im Blog gefragt, warum so wenige Zeitungsverlage nachhaltige Konzepte entwickelt haben, um für den Wandel der Zeit gewappnet zu sein. Eine Antwort war, dass sie zu lange auf alte Rezepte gesetzt haben. Eine andere Antwort könnte sein, dass Journalisten einfach keine guten Unternehmer sind. Wie auch immer. Heute will ich mich mit einer anderen Branche beschäftigen, die aus Sicht vieler ganz schweren Zeiten entgegensieht. Es handelt sich um den stationären Buchhandel. Welche Konzepte gibt es nun, dass zumindestens nicht alle Buchhandlungen aus dem Stadtbild verschwinden. Ich habe einige Ideen zusammengetragen.

Ein klarer Trend ist darin zu erkennen, dass die Buchhandlungen ihr Sortiment erweitern, um neue Zielgruppen attraktieren und neue Umsatzbereiche generieren zu können. Bei Buchreport konnte ich z.B. lesen, dass immer mehr Buchhandlungen am „Spielrad drehen“. So hat z.B. die Buchhandelskette Thalia soeben in 140 Filialen Spielwarenabteilungen eingerichtet, um gut für das Weihnachtsgeschäft gerüstet zu sein. Denn auf den Wunschzetteln für Geschenke unter dem Weihnachtsbaum stehen nicht nur Bücher ganz hoch im Kurs, sondern auch Gesellschaftsspiele, Lego und Barbie-Puppen. Und diesen Umsatz möchte Thalia gerne mitnehmen. Im Buchreport-Artikel werden noch viele andere Beispiele genannt.

Die Idee, ein Spielwarensortiment in der Buchhandlung mit aufzunehmen, ist allerdings i.d.R. aus der Not geboren, da der Umsatz im Kerngeschäft stark rückläufig ist, weil der Umsatz immer mehr „ins Internet abwandert“. buchreport fasst ernüchtert zusammen: „Dem Online-Druck entkommen die Buchhändler aber auf spielerischem Weg nicht. Zwar droht Lego-Steinen und Barbie-Puppen keine digitale Entmaterialisierung, aber der Online-Versandanteil steigt in diesem Jahr bei Spielwaren nach BVS-Schätzung noch einmal kräftig von 20 auf 25%. Das Marktwachstum – 2012 erwartet die Spielwarenbranche hoffnungsfroh ca. 3% Plus – wird online generiert. Die stationären Kanäle stagnieren dagegen.“

Aus meiner Sicht wird es immer wichtiger, dass die Buchhandlungen Erlebniswelten schaffen. Und damit meine ich nicht, nur ein Cafe zu integrieren, in dem die Leseratten wie bei Hugendubel schon seit Jahrzehnten gewöhnt, in den Büchern stöbern können, während sie eine Tasse Kaffee trinken. Vielmehr denke ich an Konzepte a la „Books for Cooks“. In dieser Buchhandlung im berühmten Londoner Stadtteil Notting Hill werden nicht nur Kochbücher angeboten, sondern in der angrenzenden Showküche auch Kochkurse. Und damit werden in der Buchhandlung nicht nur Bücher, sondern auch Kochzubehör angeboten. Neben der Schaffung einer Erlebniswelt ist auch der Trend zur Spezialisierung nicht aufzuhalten.

Es macht wenig Sinn, dass jede Buchhandlung einen Onlineshop aufbaut und sich vom Sortiment nicht von den vielen kleinen Konkurrenten unterscheidet. Wer aber Spezialexpertise besitzt, kann sich auch heute noch mit Amazon & Co. anlegen. Denn letztlich legt auch der Buchkäufer im Internet viel Wert auf gute Beratung. Und spätestens seit bekannt ist, dass Amazon kein großzügiger Steuerzahler in Deutschland ist, wird der Trend wieder ansteigen, kleine Buchhandlungen um die Ecke zu unterstützen und dort einzukaufen. Schliesslich wollen wenige von uns, dass die Kaufkraft vor Ort immer mehr verloren geht und die Buchhandlungen aus dem Stadtbild gänzlich verschwinden.

Und letztlich sollten sich die Buchhändler auch dem EBook-Trend nicht verschließen. Die britische Buchhandelskette Waterstones bietet in ihren 300 Läden in Kooperation mit Amazon einen EBook-Shop in Shop an. Dort kann man den Kinde-EBook-Reader ausprobieren. Und natürlich gibt es kostenfreien WLan-Zugang, so dass die Kunden in einem spezielle EBook-Shop stöbern können, der in Kooperation mit Amazon erstellt wurde. Andere Buchhandelsketten wie Orell Füssli und Thalia ziehen nach, wobei längst nicht alle so mutig sind, und dabei auch auf allen Ebenen mit dem „Erzfeind“ Amazon kooperieren.

Es gibt aber auch ganz andere Überlebensstrategien. Der Inhaber von Lorem Ipsum Books in Cambridge hat auf seiner Webseite veröffentlicht, dass er bis zum 1. Dezember 989 Bücher verkaufen müsste, um die nächste Mietzahlung leisten zu können. Fehlt nur noch ein Webzähler, der anzeigt, wieviele Bücher jede Stunde bei ihm konkret verkauft werden, ähnlich wie bei einem Countdown. Als der verzweifelte Buchhändler in einem Hacker-Forum nach Käufern seiner Buchhandlung suchte, erhielt er viele Ideen, seinen Umsatz wieder anzukurbeln.

Eine sehr gute Idee ist z.B., eine Espresso Book Machine aufzustellen, auf der Self-Publishing-Bücher entgeltlich ausgedruckt werden können. Als nächstes könnte der Buchhändler einen 3D-Drucker aufstellen, um auch 3D-Gegenstände ausdrucken zu können. Er könnte auch einen Buchclub starten, so dass die Mitglieder einen monatlichen Beitrag zahlen und damit seine Fixkosten abgedeckt sind. Oder er könnte nur noch einen Showroom anbieten und Geld mit Affiliate-Provisionen verdienen. Den restlichen Platz könnte er nutzen, um CoWorking-Plätze anzubieten oder ein kleines Cafe zu eröffnen.

Update 30.11.2012: Jan Theofel hat mich auf ein sehr schönes Best-Practice-Beispiel zu diesem Thema hingewiesen: BuchGourmet ist ein Fachbuchhändler, der im Internet viel mehr u bieten hat als Amazon. Das ist ein schönes Beispiel dafür, dass spezialisierte Fachbuchhändler auch das Internet als Vertriebskanal nutzen können. Danke Jan für den Tipp.

11 Responses to Überlebensstrategien von Buchhandlungen

  1. Jan Theofel sagt:

    Ich mag in dem Zusammenhang BuchGourmet: http://www.buchgourmet.de/ Seit 1987 eine anerkannte Fachbuchhandlung, die viel mehr zum Thema anbieten als z.B. Amazon. Das hat ihnen unter anderem eine Empfehlung von Jürgen Dollase eingebracht.

  2. Hallo Jan,

    danke für Deinen wie immer sehr wertvollen Linktipp. Ehrlich gesagt kannte ich bisher nicht Jürgen Dollase, aber Wikipedia hat mir weitergeholfen http://de.wikipedia.org/wiki/J%C3%BCrgen_Dollase 🙂

  3. […] des Monats:Upworthy macht vieles anders als konkurrierende Medien-StartUps Querdenker des Monats:Buchhändler gehen neue Wege, um zu überleben Expansionsidee des Monats:Starbucks expandiert nach Indien und kann von KFC viel lernen […]

  4. […] Umsatzzuwächse trotz des ECommerce-Booms erzielen. Hier im Blog habe ich zahlreiche solcher “Überlebensstrategien” vorgestellt. Denn es reicht nicht, dem Bürger ins Gewissen zu reden, er muss vielmehr das Gefühl […]

  5. Zitat aus diesem Artikel: „Eine sehr gute Idee ist z.B., eine Espresso Book Machine aufzustellen, auf der Self-Publishing-Bücher entgeltlich ausgedruckt werden können.“

    Tatsächlich gibt es bereits weltweit einige Installationen dieser interessanten aber leider auch sehr teuren Maschine. In Deutschland steht übrigens überhaupt noch keine dieser Maschinen.
    Mehr zum Thema und auch ein kleiner Film über die „Espresso-Book-Machine“ gibt es hier: http://blog.europadruck.com/buchdruck-heute-und-im-video-die-espresso-book-machine/

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