In Serie "Geschäftsideen finden"

Neue Geschäftsideen finden (30): Das Zahnradprinzip

Wir erleben immer wieder, dass Existenzgründer das Rad neu erfinden und fast alles anders machen wollen (als die Konkurrenz). Und genau daran scheitern sie auch, weil diese Herausforderung meistens zu groß und zu komplex ist. Viel lieber sollten sie eine bestehende Idee nehmen und das „Zahnrad“ einen oder zwei „Zacken“ weiter drehen, bis es „einrastet“, sprich die Idee einschlägt.

Und wir erleben, dass Unternehmer und Erfinder zu schnell aufgeben. Häufig wäre es sinnvoll gewesen, die Idee ebenfalls einen oder Zacken weiter zu drehen. Nicht immer ist die erste Idee der „große Wurf“. Das kann man im Rahmen eines Markttests schnell und kostengünstig herausfinden. In diesen Fällen sollte man nicht die ganze Idee verwerfen, sondern nur einen Teil der Grundidee verändern und wiederum einen Markttest durchführen, bis sich der Erfolg einstellt.

Dr. Oetker hat das Backpulver nicht erfunden, aber damit dank einer genialen Idee seinen Durchbruch feiern können
Viele denken, dass Dr. August Oetker das Backpulver erfunden hat. Tatsächlich war es ein Schüler Justus Liebigs, der in den USA das Backpulver durch Zugabe von Natron und Weinsäure industriell erstellen und zum Verkaufserfolg werden ließ. Ein Verwandter berichtete Dr. August Oetker von dieser nützlichen Erfindung. Dies war der Beginn einer fast einmaligen Erfolgsstory. Denn Oetker übernahm nicht nur die Produktidee, sondern er entwickelte auch ein neues Verfahren zur Herstellung von Backpulver, dass er sich in Deutschland patentieren ließ. Dr. August Oetker hätte den „einfachen Weg“ wählen können und sein Backpulver nur an Großabnehmer verkaufen können. Aber er wollte das „ganze Stück vom Kuchen“ und das Backpulver an die Endkunden verkaufen. Die Idee, die seinem Backpulver zum Verkaufsdurchbruch verhalf, war es, das Backpulver in kleinen Tüten a 10 Pfennig zu verkaufen, passend jeweils für ein Pfund Mehl. Für die Endkundin war der Preis bezahlbar und Oetker konnte sehr hohe Gewinnmargen erzielen. Einfach genial!

Zume Pizza will den Pizza-Lieferservice revolutionieren, indem die Pizza erst beim Kunden fertig gebacken wird
Häufig schmeckt die Pizza beim Italiener um die Ecke sehr gut. Wenn man sich allerdings die Pizza nach Hause liefern lässt, ist sie häufig nicht mehr heiß genug und der Teig ist häufig schon zu weit durchgeweicht. Alex Garden hat dafür eine geniale Lösung gefunden. In der Produktionsstätte seines Start-Ups „Zume“ im Mountain View werden die Pizzen dank Roboter (und auch noch dank menschlicher Mithilfe) am Fließband hergestellt und vorgebacken. Dann werdend die Pizzen in einem eigens dafür konzipierten Auslieferungsfahrzeug (sieht von außen wie ein Food Truck aus) zu Ende gebacken und ganz frisch beim Kunden ausgeliefert. Alex Garden hat die Idee der industriellen Pizzaproduktion kombiniert mit der Idee des Food-Trucks und daraus eine geniale neue Geschäftsidee entwickelt.

Der Chairless Chair wurde zum Verkaufsschlager, nachdem die Bedienung vereinfacht wurde
Mitarbeiter in der Produktion müssen meistens lange stehen. Deshalb bietet die Schweizer Firma noonee (Ausgründung der Technischen Hochschule in Zürich) den Chairless Chair an. Dabei handelt es sich um ein Exokselett, das ca. 4 kg wiegt und damit leicht genug ist, um damit auch laufen zu können. Die Sitzhilfe soll Knie, Rücken und Nacken der Mitarbeiter entlasten und kann individuell eingestellt werden, wobei der Neigungswinkel maximal 90 Grad beträgt. Dank einer Memory-Funktion kann der Träger aufstehen und sich danach wieder in die gleiche Sitzposition begeben. Der Weg zum Serienmodell war lang. Bereits einige Jahr vor der Markteinführung des Serienmodells testete das Schweizer Unternehmen den Chairless Chair u.a. mit Audi. Zu Beginn wurde noch eine Version mit elektronischer Steuerung getestet. Allerdings stellte sich die Bedienung und das Laden der Akkus als zu umständlich heraus. Und die Kosten wären deutlich höher gewesen. Dieses Beispiel zeigt einmal mehr, dass nicht alles sinnvoll ist, was technisch machbar ist. Vielmehr entscheidet der Nutzer im Praxistest, was ankommt und was durchfällt.

Mietnebenkostenspezialist MINEKO gelingt der Durchbruch dank Änderung des Geschäftsmodells
Seit Sommer 2014 haben Interessenten dank MINEKO die Möglichkeit, ihre Nebenkostenabrechnung durch Rechtsexperten online überprüfen zu lassen. Die Ausgangsposition war sehr gut: Kein Thema gibt so häufig Anlass zum Konflikt zwischen Mieter und Vermieter wie die Mietnebenkostenabrechnung und kein Aspekt des Mietrechts ist so häufig Gegenstand von Rechtsberatungen. Die Nachfrage der Kunden war gut, allerdings nicht so hoch wie erhofft. Das lag wohl auch am Preis- und Geschäftsmodell: Ursprünglich verlangte MINEKO einen Fixpreis von 39 EUR, um den Kunden innerhalb von 24 Stunden nach Zusendung der Unterlagen einen Prüfbericht inkl. Tipps und Tricks für das weitere Vorgehen und ein vorgefertigtes Anschreiben für den Vermieter zukommen zu lassen. Aber viele Kunden wollten keinen Fixbetrag zahlen und wünschten auch eine Rund-Um-Betreuung. Deshalb änderte MINEKO im April 2016 das Geschäftsmodell. Statt 39 € kostet den Kunden eine Prüfung ab sofort keinen Cent mehr. Sollte sich herausstellen, dass dem Kunden zu viel berechnet worden ist, wird ihm innerhalb von 24 Stunden ein Angebot zum Kauf seiner Forderung. Nach der Übernahme der Forderung setzt sich MINEKO mit dem Vermieter in Verbindung und holt den Differenzbetrag zurück. Aus einem Beratungsunternehmen ist somit ein Inkassounternehmen geworden.

Fab.com braucht einen zweiten Anlauf, um erfolgreich zu werden
Fab.com ist mittlerweile ein erfolgreicher Shoppingclub für Designprodukte aus den USA. Fab.com konnte sogar doppelt so schnell die erste Million Mitglieder generieren als Facebook (wenn auch der Vergleich etwas hinkt, weil Fab viel später als Facebook an den Start gegangen ist). Am Anfang sah es aber für die Gründer Jason Goldberg und Bradford Shellhammer gar nicht so rosig aus. Denn ihre erste Geschäftsidee, ein Social Network für die Gay-Community, entwickelte sich hinsichtlich der Mitgliederzahlen nicht so, wie es die Gründer erwartet haben. Und dabei sah es am Anfang so gut aus, weil die Gründer für Ihre Idee sogar Venture Capital in Millionenhöhe einsammeln konnten. Aber die Idee sollte einfach nicht zünden. Und da kam die Idee, das Business komplett neu zu erfinden. Aus fabulis wurde fab und aus einer Gay-Community ein Shopping-Club für Designprodukte. Und seitdem hebt die Geschäftsidee ab und fab gehört zu einem der hippesten StartUps in den USA mit beeindruckenden Wachstumszahlen. In diesem Fall wurden in Rekordgeschwindigkeit viele „Zacken“ weiter gedreht. Das Unternehmen hat sich fast neu erfunden. Die Start-Zielgruppe ist allerdings gleich geblieben.

Im letzten beschriebenen Fall spricht man vom sog. „Reinventing“. Es gibt verschiedene Ansätze, sich neu zu erfinden. Entweder ändert man sein Angebot (wie bei Fab), peilt einen neuen (geographischen) Markt an oder spricht eine neue Zielgruppe an. Es kann aber auch ein anderes Geschäftsmodell (Outsourcing statt Insourcing), ein revolutionäres Preismodell oder ein ganz neuer Vermarktungsweg sein. Entscheidend ist jedoch, dass das Team richtig zusammengestellt und das Timing stimmt.

Unser Tipp: Bauen Sie nicht jeden Tag ein neues Zahnrad, sondern drehen sie es einfach einen Zacken weiter. Aber Achtung: Wenn Sie das Zahnrad einmal um seine Achse gedreht haben und dann noch immer nicht eingerastet ist, dann wird es Zeit, ein neues Zahnrad, sprich Idee, zu nehmen und zu überprüfen.

Mehr zu der Ratgeber-Serie „Neue Geschäftsideen finden“:
Damit es in Zukunft nicht mehr dem Zufall überlassen ist, neue Geschäftsideen zu finden, haben wir vor einigen Jahren die Ratgeber-Artikel-Serie „Neue Geschäftsideen finden“ gestartet. Die Besonderheit: In jeder Ausgabe veröffentlichen wir passende Best-Practice-Beispiele. Unser Ziel ist es, einen praxisorientierten Leitfaden zu erstellen, der hinsichtlich Inhalt, Praxisbeispiele und Umfang einmalig ist. Damit Sie die Übersicht behalten, haben wir die Artikelserie im Magazin-Special „Geschäftsideen finden“ zusammengefasst und dort auf die Detailartikel verlinkt. Unser Fazit lautet: Es gibt viele Wege nach Rom.

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