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Ist die CoWorking-Space-Hype schon wieder vorbei?

Noch vor einiger Zeit schien es für Freelancer, Berater, IT´ler oder StartUps uncool zu sein, zu Hause oder in einer Bürogemeinschaft bzw. Business-Center zu arbeiten, es musste schon eine CoWorking-Space sein. Wie hieß es auf der Webseite des Betahaus Köln so schön: „Werte werden nicht mehr in klassischen Büros geschaffen. Wertschöpfung findet statt an unterschiedlichen Orten, zu unterschiedlichen Zeiten, in wechselnden Teamkonstellationen und ohne Festanstellung. Diese neue Art der Arbeit sucht ständig nach neuen realen und virtuellen Orten. Benötigt werden offene, digital vernetzte und kollaborative Arbeitsorte, die flexibel sind und als Inkubationsplattform für Netzwerk, Innovation und Produktion dienen. Das betahaus ist so ein Arbeitsraum.“

Klingt doch richtig gut, oder? Leider musste das Betahaus Köln vor einigen Monaten seine Pforten aus wirtschaftlichen Gründen und wegen Perspektivlosigkeit schließen. Der letzte Blogeintrag am 29.4.2013 war dann auch viel wortkarger als obige blumige Beschreibung und zählte nur noch drei Worte: „We are closed“. Basta. Spätestens zu diesem Zeitpunkt horchte die Community auf, schließlich hat die Marke „Betahaus“ einen guten „Namen“ in der Szene. Am letzten Freitag kam dann die nächste Hiobsbotschaft. Das betahaus Hamburg hat einen Insolvenzantrag gestellt und scheint damit auch vom Coworking-Erdboden zu verschwinden, wenn nicht noch eine Rettung gelingen sollte.

Sind das nun Einzelschicksale, oder zeichnet sich hier ein Trend ab? Es ist schon alarmierend, wenn „Markenanbieter“ die Segel streichen. Und so spricht man in der Szene schon ganz offen darüber, dass man in Zukunft mit einer stark wachsenden Zahl von CoWorking-Space-Schliessungen in Deutschland und darüber hinaus rechnet. Denn auch international scheint sich ein Trend abzuzeichnen. Sowohl das Hub Brussels als auch das Citizen Space in San Francisco musste seine Tore schliessen. Nach der Bibel-Trendtheorie könnten nun auf sieben fette Jahre sieben magere Jahre folgen. Schon im Jahr 2006 habe ich hier im Blog über Coworking-Spaces berichtet. Ist die Zeit nun abgelaufen?

Die Hoffnung vieler Anbieter von CoWorking-Spaces besteht nun darin, dass sich die Branche nur in einer kurz- bis mittelfristigen Konsolidierungsphase befindet, bevor es dann wieder kräftig aufwärts geht. Doch diese Konsolidierungsphase kann sehr schmerzhaft werden. Denn das Geschäftsmodell von CoWorking-Spaces ist sehr krisenanfällig. Das Stichwort lautet Fristeninkongruenz. Hääh. Tatsache ist, dass die Betreiber von CoWorking-Spaces meistens Mietverträge über mehrere Jahre abschliessen müssen. Auf der anderen Seite binden sich die Kunden gar nicht oder nur für wenige Wochen oder Monate. Bleiben diese Kunden dann für längere Zeit weg, weil sie z.B. sparen müssen, keine Mehrwerte mehr erkennen oder sie wieder festangestellt sind, dann kippt das Modell meistens in wenigen Monaten.

Wer mehr über die Krisenanfälligkeit dieses Geschäftsmodells erfahren will, dem kann ich nur das Buch Insolvent und trotzdem erfolgreich empfehlen. Hier erläutert Anne Koark, wie sie mit dem Betrieb eines Bürocenters schon vor mehr als zehn Jahr „Schiffbruch“ erlitten hat. Aber es gibt auch viele hausgemachte Probleme. So haben aus meiner Sicht viele Co-Working-Spaces bei der Auswahl der Location „nicht ihre Hausaufgaben gemacht“. Der Standort muss nicht nur sehr verkehrsgünstig sein, sondern die Räumlichkeiten müssen auch genau den Ansprüchen der Coworker entsprechen. Es braucht nicht nur eine Mindestanzahl von Gemeinschaftsräumlichkeiten und stillen Arbeitsplätzen, sondern auch eine „Mini-Kantine“.

Weiterhin haben die Wettbewerber nicht tatenlos zugeschaut. Bekannte Business Center bieten mittlerweile unter den Bezeichnungen wie Shared Office oder Coworking Office ähnliche Angebote zu ähnlich niedrigen Preisen an. Dazu sind diese Business Center meistens in allen wichtigen Städten vertreten und zwar in sehr zentraler Lage und bieten zudem auch sehr repräsentative Räumlichkeiten an, wenn man mal Kundenbesuch erwartet. Zudem kann man in solchen Business Centern fast beliebig wachsen, weil genug Räumlichkeiten für das Wachstum zur Verfügung stehen. Zudem gibt es noch viele Angebote von Gründerzentren, die häufig von den Städten subventioniert werden und damit langfristig Kampfangebote machen können, ohne dass ihnen die Puste ausgeht.

Ist das nun der Untergang der CoWorking-Branche? Nein! Gute Angebote werden sich auch hier nachhaltig durchsetzen. Wichtig ist nur, dass den CoWorkern so viele Mehrwerte angeboten werden müssen, dass der Nutzen die Kosten (wieder übersteigt). Dazu gehört nicht das Angebot passender Arbeitsplätze, sondern die bessere Vernetzung der CoWorker untereinander. Zudem sollten sich die CoWorking Spaces neuen Zielgruppen öffnen, wie z.B. Unternehmen, die mehr Tools für das kollobarative Arbeiten einführen wollen und diesebezüglich eine Weiterbildungs- und Anlaufstelle suchen. Und letztlich wird es immer wichtiger, sich zu spezialisieren, wie z.B. als Hackerspace. Wer sich nun noch tiefer in die Materie einarbeiten will, dem empfehle ich die Artikel „CoWorking-Szene ab Scheideweg“ und „Anspruch und Wirklichkeit von Coworking Spaces – in Frankfurt a.M.„.

Bildquelle: Agila CoWorking

14 Responses to Ist die CoWorking-Space-Hype schon wieder vorbei?

  1. Tobias sagt:

    Hier findet man übrigens eine Übersicht über Coworking Spaces und weiteren Orten, wo man als Freelancer zur Zwischenmiete unterkommt: http://www.desksurfing.net

  2. Ich glaube nicht, dass Coworking eine Krise hat – das Gegenteil ist der Fall. Doch das bewahrt die „Branche“ nicht vor wirtschaftlichen und strategischen Fehlverhalten oder falschen Kalkulationen und Erwartungen.

    Eine Herausforderung ist in meiner Sicht der Fakt, dass viele Coworking Spaces auf die eine junge „Ich würde gerne mal ein Startup machen oder so“ Szene fokussieren, die zwar den Ort toll findet und zu allen Events kommt, sich selbst aber selten einen Vollplatz leisten kann.

    Ein Coworking Space ist dann eben doch keine WG Party. Nicht nur.

  3. PS: Ich denke auch, dass ein PPP (Private-Public-Partnership) Modell eine interessante Richtung für Coworking ist. Ob Stadt, Unternehmen oder Privatpersonen – viele Immobilien sind in Leerstand und könnten eine Wiederbelebung brauchen. Hier könnte man viele Synergien finden und so auch den wirtschaftlichen Druck aus dem Modell nehmen. Wir haben das mit dem TREIBHAUS (www.treibhaus.co) in Wien z.b. so gemacht.

  4. Lutz Breunig sagt:

    Co-Working sollte sich eben nicht nur auf den Space beziehen sondern auch auf sich ergänzende Geschäftsmodelle – das ist der eigentliche Kitt, der ein solches System auch lokal zusammenhalten kann.

  5. Hallo Hannes und Lutz,

    danke für die wichtigen Ergänzungen und Anregungen.

    Ich persönlich glaube auch, dass Co Working Space in bestehende Konzepte integriert werden könnten bzw. ganz neue Zielgruppen angesprochen werden sollen. CoWorking gehört auch aus meiner Sicht die Zukunft, aber es muss eben die Mehrwerte der Nutzer im Fokus haben.

  6. Jan Theofel sagt:

    Was das Problem mit dem Mietvertrag angeht: Meine Idee war einmal flexible Mietverträge mit dem Vermieter zu machen. Sprich man beteiligt ihn einfach direkt am Erlös des Coworking-Centers. Sprich im Ticketspreis ist einfach ein definierter Anteil für den Eigentümer enthalten. Der hätte dann den Nachteil, dass er am Risiko beteiligt ist. Aber sinnvoll kalkuliert, könnte das tragbar sein und zugleich Aussicht auf insgesamt höhere Mieteinnahmen bescheren. Zumindest in Lagen, in denen es viel Leerstand gibt, wäre das für dein einen oder anderen Eigentümer vermutlich sowieso eine bessere Option als ein Leerstand.

  7. Hallo Jan,

    das ist ein guter Ansatz, genau solch einen Vorschlag hatte ich vor über fünfzehn Jahren einem Vermieter einer leerstehenden, großen Bürofläche gemacht. Damals war die Not wohl noch nicht so groß wie heute 🙂 Und interessanterweise kenne ich kein CoWorking-Space, das diese Idee schon umgesetzt hat (bzw. die Möglichkeit dazu bekommen hat)

    Es gibt eine Firma, die genau solch ein von Dir beschriebenes Konzept seit Jahren umsetzt, es ist die Firma Immoxpert mit ihrer Marke ofedis: http://www.ofedis.de/. Hierbei handelt es sich nicht um klassisches CoWorking, sondern um eine BüroOffice-Konzept.

  8. Nora Heitzer sagt:

    Die Idee der flexiblen Mietverträge finde ich sehr gut, aber ob man jemals einen Vermieter findet, der darauf anspringt? Ich habe lange überlegt in einem Co Working Space zu arbeiten, werde das eventuell auch wieder in Erwägung ziehen, momentan benutze ich mit meiner Österreichzweigstelle ein virtuelles Büro in Wien und in Deutschland miete ich mich je nach Bedarf bei club-office.com ein. Dennoch ist die Arbeitsatmosphäre schon produktionssteigernd, für mich auf jeden Fall.

  9. Die Idee vom Coworking Space ist an sich sehr gut , vor allem wen man als Freelancer nicht vereinsamen will . Aber man darf den Kostenfaktor nicht vergessen ! Eigentlich braucht man nicht viel um zu hause seinen eigenen Arbeitsreich zu gestallten . Mich würden zusätzliche Services reizen wie Sekretärin oder Übersetzer !

  10. […] Juni habe ich hier im Blog folgende Frage gestellt: “Ist die CoWorking-Space-Hype schon wieder vorbei?” Natürlich habe ich die Frage bewusst provokativ gestellt. Aber es gibt einen Trend, den […]

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