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Warum Zukunftsforscher gerne nach Wetzlar pilgern

Vor kurzem habe ich einem Vortrag beigewohnt, in dem der Redner skizziert hat, wie wir in zwanzig Jahren kommunizieren werden. Das erinnerte mich an eine Lesung aus einem Science Fiction Roman. Und tatsächlich hatte sich dieser Zukunftsforscher häufig dieses Genres als Infoquelle bedient und auch häufig daraus zitiert. Ich dachte mir damals: Wie wäre es, wenn Wissenschaftler alle Science Fiction Romane auswerten würden, um zu prognostizieren, wie die Zukunft in 3, 5, 10, 20 oder 100 Jahren aussehen könnte. Und tatsächlich gibt es Wissenschaftler, die sich seit Jahren mit nichts anderem beschäftigen.

Dabei handelt es sich um Thomas Le Blanc und seinem Team der Phantastischen Bibliothek Wetzlar: „Die Phantastische Bibliothek Wetzlar verwaltet und pflegt die weltweit größte öffentlich zugängliche Sammlung phantastischer Literatur (Science Fiction, Fantasy, Utopien, Horror, Phantastik, Märchen/Sagen/Mythen, Reise- und Abenteuerliteratur) mit einem Buchbestand von über 200.000 Titeln. Die Sammlung ist in ihrer Vollständigkeit moderner spekulativer Literatur einzigartig. Der Sammlungsaufbau wurde 1987 begonnen und zunächst von der Stadt Wetzlar, einem Verein und einer Stiftung in Kooperation betrieben, zum Jahresanfang 2006 ist die Sammlung komplett in das Eigentum einer gemeinnützigen Trägerstiftung mit privatem Kapital (700.000 EUR) übergegangen.“

Um zuverlässige Zukunftsprognosen erstellen zu können, wurde das Projekt »Future Life« gestartet. Dabei werden die in der Science-Fiction-Literatur vorhandenen Ideen exzerpiert, systematisiert und bewertet. Dabei ist das Spektrum sehr weit, wie die Projektverantwortlichen auf der Webseite erläutern: „Die Science Fiction bietet in Themenfeldern wie Umwelt, Klima, Arbeitswelt, Wohnen, Mobilität, Kommunikation, Gesundheit, Ernährung, Evolution – und vielem anderem mehr – detaillierte Beschreibungen zukünftiger Szenarien und innovativer Technologien, und sie diskutiert dabei natürlich auch Fragen der Akzeptanz von künftigen Produkten.“

Le Blanc und sein Team verwalten aber nicht nur die Bibliothek, sondern sie veranstalten auch Kongresse und Events. Zudem nehmen sie auch gerne Dritteaufträge an, wie Le Blanc in einem TR-Artikel beispielhaft erläutert: „Für das Deutsche Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) etwa hat Le Blanc schon vor Jahren einen Themenkomplex „Verkehrssysteme der Zukunft“ beackert. Le Blancs Team filterte für das DLR insgesamt 150 interessante Ideen heraus. Darunter waren solche Dauerbrenner wie ein „Fahrstuhl zu den Sternen“, aber auch recht praktikable Dinge wie ein Martinshorn via Autoradio oder ein vollautomatischer Kofferkuli. Letzteren hatte der britische Autor John Brunner 1975 in seinem Roman „Der Schockwellenreiter“ für Flughäfen erdacht. Realisiert wurde er bisher zwar an keinem einzigen Airport, aber immerhin in ganz ähnlicher Form für Golfplätze.“

Natürlich sind auch Le Blanc und sein Team nicht in der Lage, exakt die Zukunft vorauszusagen. Aber sie haben viele Ideen, wie die Zukunft aussehen könnte. Schwieriger ist es, vorauszusagen, wann die Rahmenbedingungen passen, damit Ideen auch in wirtschaftlichen Erfolg umgewandelt werden können. Darauf habe ich schon ausführlich in meinem Artikel „Haben Sie eine Wiedervorlage für innovative Ideen in Ihrem Unternehmen?“ hingewiesen. Im Rahmen des Artikels empfehle ich jedem Unternehmen, eine Wiedervorlage für innovative Ideen einzurichten, um regelmäßig zu prüfen, ob für bestimmte Ideen nicht die Zeit gekommen ist, sie umzusetzen. Dabei muss man allerdings Nerven wie Drahtseil besitzen, um nicht zu früh zu agieren. Das kann sehr teuer werden, wie die Erfahrungen der New Economy gezeigt haben.

Bildquelle: Roman Herr der Zeit: Ein Science-Fiction-Roman vom Hugo und Nebula Award Preisträger Joe Haldeman

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