Ertragsmodelle

Man muss nicht immer neue Produkte oder Dienstleistungen erfinden, vielmehr kann man das Geschäftsmodell dahinter verändern. Ein wichtiger Teil des Geschäftsmodells ist dabei das Ertragsmodell. In der Literatur unterscheidet man zwischen transaktionsabhängigen und transaktionsunbhängigen Erlösen, sowie zwischen direkten und indirekten Erlösen. So verdient ein Onlineshop i.d.R. sein Geld, indem er Produkte günstig einkauft und mit Aufschlag wieder verkauft (direkt transaktionsabhängig). Im Onlineshop können aber auch via Affilate Produkte Dritter angeboten werden, ohne die anschließende Abwicklung selbst (sondern durch den Partner) vorzunehmen (indirekt transaktionsabhängig). Weiterhin kann der Onlineshop eine Mitgliedsgebühr verlangen (direkt transaktionsunabhängig). Er kann aber auch Werbung von Drittanbietern einblenden (indirekt transaktionsunabhängig). Soviel die Theorie, steigen wir jetzt in die Praxis ein. Fangen wir mit zahlreichen Beispielen aus der Buch- und Musikverlangsbranche an, die frühzeitig neue Ertragsmodelle entwickeln mussten, um zu überleben.

Schweizer Buchverlag verschenkt Buchcontent und verdient gutes Geld dabei
Der Schweizer Verlag „buch & netz“ produziert, kuratiert, vertreibt und monetarisiert Inhalte in Form von gedruckten Büchern, E-Books, Online-Books, Websites, Blogs, E-Mail Newsletter und Mobile Apps. Die Inhalte werden in der Regel mit einer Creative Commons-Lizenz kostenlos im Web veröffentlicht. Die Werke sind dadurch einfach zugänglich, kapitelweise verlinkbar, durch Suchmaschinen auffindbar und in den verschiedenen Social Media Kanälen wie Facebook, Google+, Twitter usw. verteilbar. Geld verdient der Verlag, indem er die EBooks und Bücher zum Inhalt kostenpflichtig verkauft. Weiterhin erzielt er Sponsoreinnahmen, indem z.B. eine Firma an einem Tag das EBook kostenlos auf seiner Webseite zum Download anbietet. Zudem gibt es sog. „Kapitalsponsoren“, die für mehrere Monate als Sponsoren im Buch prominent erwähnt werden.

Buchautoren verdienen ihr Geld dank Produktplacement
Im Free-Economoy-Zeitalter müssen Filmemacher und andere Künstler neue Einnahmequellen generieren, um von ihrer Arbeit leben zu können. Deshalb ist es nicht verwunderlich, dass das Product Placement immer mehr auf dem Vormarsch ist. Egal, ob Kino- oder Fernsehfilme, ob YouTube-Videos oder Videospiele, immer mehr Firmen entern diese Produktionen und wollen von den “Trojanern” profitieren. Und natürlich haben die Werbetreibenden auch das Buch als ideale Marketingplattform entdeckt. Für viel Furore sorgte eine Marketingaktion von Land Rover, die den britischen Bestseller-Autor William Boyd damit beauftragten, die Kurzgeschichte „The Vanishing Game“ zu verfassen, in der ein Land Rover eine Hauptrolle spielt. Die “zweite Hauptrolle” hat ein Schriftsteller, der sich auf mysteriöser Reise durch Großbritannieren befindet. Warum machte William Boyd bei diesem Projekt mit? Weil ihm fast komplett künstlerische Freiheit gewährt wurde. Die einzige Bedingung war: Ein Land Rover musste in der Story eine wichtige Rolle spielen.

Börsendienst-Verleger und -Autoren verdienen als Mikro-Vermögensverwalter ihr Geld: Wikifolio & Co.
Börsendienste verdienen ihr Geld mit den Abogebühren. Börsenmagazine verlangen zwar auch eine Verkaufsgebühr, vedienen Ihr Geld aber vorranig durch Anzeigenwerbung. Dank wikifolio kann jetzt aber jeder Verleger oder Autor mit Börsenexpertise sein Geld als „Vermögensverwalter“ verdienen. Denn auf wikifolio.com können Experten eigene Handelsstrategien als „wikifolio“ veröffentlichen. Jedes investierbare wikifolio hat eine Wertpapierkennnummer (ISIN) und ist bei führenden Banken und Online Brokern handelbar. Somit kann jeder Anleger in die Portfolios seiner Wahl investieren und damit auf den Erfolgszug einzelner Trader aufspringen, ohne mühsam jede Transaktion händisch nachverfolgen zu müssen oder teure Anlegerbriefe von sog. selbsternannten Gurus kaufen zu müssen. Und gerade junge Onlinemagazine wie Trendlink können damit eine neue, wichtige Einnahmequelle erschließen.

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First Look Media verkauft Software und querfinanziert damit seine Verlagsprojekte
Das investigative Online-Medium „The Intercept“ macht zu Beginn nicht nur Schlagzeilen, weil es als Frontmann Gleen Greenwald gewinnen konnte, der weltberühmt wurde, nachdem Edward Snowden ihm die brisanten NSA-Unterlaten und Dateien zwecks Berichterstattung übergab. Vielmehr ist als Investor des dahinter stehenden First Look Media Verlages der milliardenschwere Pierre Omidyar (Mitgründer von ebay) eingestiegen. Vielmehr ist der First Look Media Verlag bekannt geworden, weil durch den Verkauf von Software und Know How verdienen die Journalismusprojekte nachhaltig querfinanziert werden sollen.

Musikbands verdienen ihr Geld nicht mehr mit dem Verkauf ihrer CD´s
Die meisten Musikbands verdienen heute nicht mehr den Löwenanteil ihrer Einnahmen, indem sie Tonträger verkaufen, sondern indem sie auf Konzertourneen gehen. Dabei hat U2 zum Beispiel in den letzten 25 Jahren den durchschnittlichen Verkaufspreis einen Konzerttickets mehr als verachtfacht. Erfolgsrezept war die Preisdifferenzierung. Zum Teil gibt es pro Konzert mehr als 60 Ticket-Preiskategorien. Weiterhin wird Geld damit verdient, dass Fans, die keine Eintrittskarte mehr ergattern konnten, das Konzert via Live-Stream miterleben können und dafür bereit sind, hohe Gebühren zu bezahlen. Und auch an Konzertbesucher wird direkt nach dem Konzert ein Livemittschnitt verkauft. Zudem verdienen die Musikbands gutes Geld dank Merchandising, Verkauf von Fanklubmitgliedschaften und durch Auftritt in Werbespots.

Immobilienvermittlungsplattform faceyourbase.com verlangt keine Vermittlungsgebühr
Bei dieser Immobilienvermittlungsplattform muss der Vermieter einer Wohnung oder Hauses bei erfolgreicher Vermittlung keine Provision bezahlen, sondern nur eine minimale Anzeigenlöschungsgebühr. Dafür müssen die Bewerber Gebühren bezahlen, wenn sie in die engere Auswahl gekommen sind. Zudem können die Vermieter verschiedene Leistungen kostenpflichtig in Anspruch nehmen, müssen es aber nicht. Damit will faceyourbase die richtige Antwort auf das Bestellerprinzip gefunden haben, dass seit der Gesetzesreform für Vermittlung von Mietwohnungen gilt. Jeder soll anteilig an den Kosten beteiligt werden, die faceyourbase entstehen, aber nur erfolgsabhängig.

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Ryanair zapft viele Einnahmequellen an
Ryanair wird nicht müde, jede erdenkliche Einnahmequelle zu nutzen, um die Flugpreistickets niedrig zu halten. Ein wichtiger Ansatz von Ryanair ist es, die direkten Nutznießer in den Urlaubsregionen (Kommunen, Hotels, Gasstätten,…) zur Kasse zu bitten. Sie profitieren schliesslich davon, wenn dank Ryanair deutlich mehr Touristen in die Region kommen, um Urlaub zu machen. Nennenswerte Einnahmen erzielt die Fluggesellschaft, indem sie online Hotels und Mietwagen an die Fluggäste vermittelt. Ryanair kauft dabei zu günstigen Paketpreisen ein und verkauft je nach Saison zu lukrativen Endverkaufspreisen weiter. Und letztlich sollen alle Kunden, die Extras wünschen (Gepäckaufgabe, etc.) auch anteilig zur Kasse gebeten werden, ganz nach dem Motto, wer Kosten verursacht, soll die auch bezahlen.

Bauern kassieren die Ernteerlöse im Voraus: Selbsternteangebot, Kuhleasing und Co.
Erst säen, dann ernten, dann verkaufen. Nach dieser uralten Methode arbeiten die Landwirte seit Jahrhunderten. Dieses Geschäftsmodell ist jedoch sehr riskant. Bei Missernten tragen sie selbst das Risiko. Man kann sich zwar dagegen versichern, aber das ist teuer und nach mehreren Missernten findet man auch keinen Versicherer mehr, der in das Risiko einsteigen will. Eine Alternativ besteht für Bauern z.B. darin, den Kunden eine Gemüseparzelle zu verpachten. Dadurch fließen die Einnahmen im Voraus, es besteht kein Misserntenrisiko für den Bauern, etc. Ähnliche Modelle gibt es auch für andere Verwendungszwecke: Kuhleasing, Weinzins und Co.

Abocommerce von Produktproben: Birchbox & Co.
Früher wie heute verschenken online wie offline Händler Produktproben (z.B. Kosmetik), um die Kunden auf den „Geschmack zu bringen“. Warum nicht nur Produktproben im Abo per Post anbieten? Diese Frage stellte sich die Deutsche Post und begann 2005 mit der Testbox kurzzeitig (ohne großen Erfolg) den Versuch, an Kunden regelmäßig Produktproben (kostenlos) zu senden (und ließ sich dafür von den Produktanbietern bezahlen). Deutlich erfolgreiche war die Idee von Katia Beauchamp und Hayley Barna, Kosmetikproben im Abo an Kundinnen zu schicken (gegen Zahlung einer Abogebühr). Birchbox war einer der Garanten für den danach eintretenden Abocommerce-Boom. Und natürlich funktioniert der Abocommerce-Ansatz nicht nur für Produktproben.

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Babochki Anticafé verlangt eine Minuten-Flatrate
Warum sollte man nicht die Kosten vom Zeitraum abhängig machen, die der Gast im Cafe verbringt, schließlich wird dem Gastronom die Miete auch für einen bestimmten Zeitraum in Rechnung gestellt. Gedacht, getan. Im Babochki Anticafe wird nach Zeit abgerechnet (Preis pro Minute Aufenthalt), anstatt nach Verbrauch. Dafür sind Tee, Kaffee, Kuchen und Desserts kostenlos. Andere Lebensmittel und Getränke können kostenlos mitgebracht werden (es gibt kein „Korkgeld“). Weiterhin stehen kostenlos Brettspiele, XBox und ein Kinosaal zur Verfügung. Und natürlich gibt es auch eine kostenfreie WLAN-Anbindung, so dass auch Gewerbetreibende gerne die Location nutzen, um Geschäftsverhandlungen durchzuführen oder eine Stunde in Ruhe arbeiten wollen. Das o.g. Preismodell kennt man ja schließlich schon von Co-Working-Stationen.

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