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Discovering Hands setzt blinde Frauen als Medizinische Tastuntersucherinnen ein

Manchmal braucht es den Weg über das Ausland, um auf eine geniale Geschäftsidee made in Germany aufmerksam zu werden. So geschehen mit Discovering Hands, über die ich heute erstmals via Springwise erfahren habe, obwohl die Idee dazu schon zehn Jahre alt ist und seit vielen Jahren Preise und viel mediale Aufmerksamkeit einheimst. Bei Discovering hands handelt es sich konkret um die Idee, blinde oder sehbehinderte Frauen als Medizinische Tastuntersucherinnen (MTU) im Rahmen der Brustkrebsfrüherkennung einzusetzen.

Die innovative Methode wurde von Dr. Frank Hoffmann, Gynäkologe aus Duisburg, vor über zehn Jahren entwickelt. Er nutzte dabei den Umstand, dass blinde und sehbehinderte Frauen über einen besonders ausgeprägten Tastsinn verfügen. Daraus entwickelte er eine ausführliche, standardisierte und qualitätsgesicherte Untersuchungsmethode. Die Frauen werden in einer neunmonatigen Qualifizierungsmaßnahme zur Medizinischen Tastuntersucherin (MTU) ausgebildet und arbeiten in gynäkologischen Praxen. Aus der Projektidee ist mittlerweile ein deutschlandweites Netzwerk mit über 20 Praxen und Kliniken erwachsen, die MTU beschäftigen.

Im Rahmen einer 30- bis 60-minütigen Untersuchung, die 45 – 50 EUR kostet, orientieren sich die MTU mit Hilfe von haptischen Orientierungsklebestreifen an der Brust und tasten das Brustdrüsengewebe vollständig und gründlich in drei Ebenen ab. Weil sich die MTU so viel Zeit nehmen, nach einer standardisierten Methode vorgehen und mit ihrem Tastsinn Sehenden in der Regel überlegen sind, bietet diese Untersuchung eine perfekte Alternative oder Ergänzung zur Brusttastuntersuchung durch den Gynäkologen dar. Es gibt zwar auch noch das Mammographie-Screening, das allerdings grundsätzlich erst für Frauen ab 50 Jahren angeboten wird. Wenn man bedenkt, dass immer mehr Betätigungsfelder für blinde Frauen wegfallen (z.B. der Einsatz in Call Centern), dann handelt es sich hier um ein sehr zukunftsweisendes Projekt, um blinde Frauen wieder in die Beschäftigung zu bringen.

Im letzten Jahr konnte zudem ein weiterer Meilenstein erklommen werden. In Berlin eröffnete im Sommer 2015 das erstes discovering hands®-Zentrum, in dem zum Start eine Gynäkologin und sechs MTU beschäftigt wurden. Die BKK VBU hat als erste Krankenkasse gemeinsam mit dem Gyn-Verbund Berlin e.V. eine Vereinbarung mit dem Zentrum geschlossen. Discovering hands® ist ein zusätzliches Angebot neben der regulären Krebsvorsorgeuntersuchung und kann einmal im Jahr von BKK VBU-versicherten Frauen ab 30 Jahren in Anspruch genommen werden. Die BKK VBU trägt die Kosten der Untersuchung vollständig, die Versicherte legt einfach ihre Krankenversicherungskarte vor. Ein Arztwechsel ist für die Inanspruchnahme der Tastuntersuchung nicht nötig, alle Ergebnisse werden an den behandelnden Gynäkologen übermittelt. Die Versicherten können selbst einen Termin im discovering hands®-Zentrum vereinbaren, zudem haben die rund 60 Frauenärztinnen und -ärzte des Gyn-Verbundes Berlin e.V. Zugang zum Terminvereinbarungsservice des Zentrums.

Aber auch im Ausland erhält dieses Vorhaben immer mehr Aufmerksamkeit. Über den Fernsehauftritt in der Puls 4-Start-Up TV-Show „2 Minuten 2 Millionen“ im Jahr 2014 wurde eine Investorengruppe gefunden, die das Franchise-System für Österreich fördern möchte. Und jüngst startete ein Pilotprojekt in Kolumbien. Es ist zu wünschen, dass es sich hier bald um einen Exportschlager handelt. Denn das ist ein perfektes Beispiel, wie ein Social StartUp gleich mehrfach die Welt verbessert: Frauen erhalten eine meiste bessere Tastuntersuchung als bisher, in sehr intimen Umfeld und blinde bzw. sehbehinderte Frauen werden sinnvoll beschäftigt und in die Gesellschaft eingegliedert.

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