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Regelbrecher Zotter schaut auf 30 bewegte Jahre zurück

Schon im Jahr 2008 haben wir hier im Blog über die Erfolgsstory der Zotter Schokoladen Manufaktur aus Österreich (und die Vorgeschichte) berichtet und elementare Erfolgsgeheimnisse gelüftet. Mittlerweile kann Zotter (Konditorei und Schokoladen-Manufaktur) auf eine bewegte dreißigjährige Unternehmensgeschichte zurückblicken, die nicht immer nur steil nach oben verlief. Das Jubiläum wollen wir zum Anlass nehmen, um die Zotter-Geschichte Revue passieren zu lassen und weitere Aspekte der ungewönlichen Erfolgsstory beleuchten.

Nachdem Josef Zotter fast die halbe Welt kennengelernt hatte, eröffnete er 1987 zusammen mit seiner Frau die erste Zotter-Konditorei in Graz. Schon damals unterschied sich Zotter von der Konkurrenz. Als Konditor schuf Zotter ungewöhnliche Torten ohne Zuckerguss, die aus zehn und mehr Sorten zusammengestellt wurden und dazu auch noch asymmetrisch waren. Mit „funny Torte“ und „Käferbohnenroulade mit Koriander“ erwarb er regionalen Ruhm. Zudem expandierte Josef Zotter und eröffnet drei weitere Filialen. Das reichte dem Konditor aber nicht. Immer wieder experimentierte er in seiner Küche 1992 erfand er durch Zufall die handgeschöpften Schokoladen, wie in der Zotter-Biografie anschaulich beschrieben wird:

„Eine große Bestellung kam rein, und es gab nur drei Gussformen – über Nacht erfand Josef Zotter das Handschöpfungsprinzip und strich die Füllungen auf langen Tischen auf, zwischen Gardinenstangen, die er noch schnell im Baumarkt besorgt hatte. Die Idee, Schokoladen ohne Gussformen zu machen, die aus verschiedenen Geschmacksrichtungen und feinen Füllungen bestanden, war eine kleine Sensation. Neu ist auch das 70-g-Format und der Schokoüberzug statt dem Würfelbruchmuster. Die Sorten der ersten Stunde: Mohn-Zimt, Kürbiskrokant mit Marzipan, Hanf, Rohkost, Champagner und Grillierte Walnüsse mit Marzipan.“

Aber nicht nur der Inhalt sollte die Kunden begeistern. Deshalb ließ Zotter von Andreas H. Gratze ein völlig neues Verpackungsdesign mit künstlerischen Motiven entwerfen. Damals wie heute zeichnet und entwirft Gratze für jede Schokolade ein individuelles Motiv, das den Stil von Zotter prägen soll: künstlerisch, humorvoll, bunt und unkonventionell. Obwohl durch die Erfindung der handgeschöpften Schokolade und der Verpackung mit Wiedererkennungswert den Grundstein für einen nachhaltige Erfolgsstory gelegt wurde, musste Zotter 1996 Insolvenz anmelden. In der Biografie wird diese schwere Zeit anschaulich wie folgt beschrieben:

„Nichts blieb, außer der Vision und dem Willen weiterzumachen. Mit den verbliebenen Schokomaschinen zogen Josef und Ulrike in den ehemaligen Stall von Josefs Eltern. Unter der Woche machten sie Torten und an ihren freien Tagen Schokoladen. „Meine Frau Uli meinte, wir sollten uns entscheiden: Torten oder Schokoladen? Und so eröffneten wir 1999 die Schokoladen Manufaktur in Bergl. Die ersten Schokoladen haben wir direkt aus dem Fenster verkauft. Und dann kam meine Mutter auf die Idee, einen Shop zu machen. Sie hat sich einfach in ihrer typischen Kochschürze mit Tisch und Kasse in den Korridor gestellt und Schokolade verkauft. Das war eine echte Garagenstory damals!“

Die Erfolgsstory nahm ihren Lauf. Schnell konnten die Zotters mit den reinvestierten Gewinnen die Manufaktur ausbauen und modernisieren. Wichtig war den Zotters, dass Besucher direkt in die Produktion schauen konnten und dank der „Running Chocolate“ (Vorläufer des Schokoladentheaters), vergleichbar mit einem Sushi-Laufband, kleine Schokohappen probieren konnten. Aber nicht nur der Produktion galt das Interesse von Joseph Zotter. Im Jahr 2001 reist er in die Anbauländer, um Kakaobauern zu treffen. Schnell war es für Zotter selbstverständlich, nur noch Fairtrade- und Bio-Rohstoffe einzukaufen und für die Produktion zu verwenden.

In der Biographie heißt es weiter: „2007 löste Zotter sein gesamtes Vermögen auf, investierte alles in die Bean-to-Bar-Produktion und hatte nun den gesamten Herstellungsprozess im Haus. Jetzt konnte er sich wieder voll seiner Leidenschaft widmen, neue Produkte zu erfinden, wie z.B. Labooko, Single Origin Schokoladen, bunte Fruchttafeln, Mitzi Blue und Kuvertüren. Damit man den gesamten Produktionsprozess sehen konnte, baute Zotter 2007 rund um die Bean-to-Bar-Produktion das beliebte Schoko-Laden-Theater für Besucher.

2011 erfüllte sich Zotter noch einen Traum und realisierte mit dem Essbaren Tiergarten seine Vision von Landwirtschaft: alles bio, artgerechte Tierhaltung, samenfeste Sorten, energieautark – und mittendrin ein Bio-Restaurant, wo man essen kann, was rundum wächst und weidet – Farm-to-Table. 2014 eröffnete Zotter das Schoko-Laden-Theater in Shanghai, das Julia Zotter (Anm. der Red.: die ältere Tochter der Zotters) leitete. 2015 eröffnete Zotter Chocolates US in Florida, geleitet von IT-Experten und Zotter-Fans. Mittlerweile zählt Zotter international zu den besten und innovativsten Schokoladenherstellern und beschäftigt ein Team von 200 Mitarbeitern.“

Die Ideen gehen Zotter wohl nie aus. So hat er z.B. nicht nur weitere Produkte wie die Kaffeesud-Cookies entwickelt, sondern auch Choco-Roboter, die tanzen und Pralinen servieren. Und die Auszeichnungen nehmen zu. 2015 zählt Zotter zu den Top 25 – den besten Chocolatiers der Welt. Das Urteil des Schokoladentesters ist beeindruckend: „Zotter ist und bleibt an der Spitze der weltbesten Schokoladenhersteller und mit weitem Abstand der innovativste Chocolatier von allen.“ (Schokolade – das Standardwerk 2015). Fast noch ungewönlicher: 2010 wird Zotter in die renommierte Harvard University eingeladen. Als einziges österreichisches Unternehmen steht Zotter als Fallbeispiel auf dem Lehrplan der Studenten.

Gerne fassen wir zum Abschluss die Erfolgsgeheimnisse zusammen, die wir schon im Blogbeitrag vor knapp zehn Jahren gelüftet haben:

  • Wenn Du kopiert wirst, hast Du es geschafft. Erst als Zotter kopiert wurde, kam der wirtschaftliche Durchbruch. In diesem Moment haben die Konsumenten die Qualität des Originals gespürt. Nur, wenn man kopiert wird, kann man erfolgreich werden.
  • Was andere in Werbung investieren, investiert Zotter in das Produkt. Das zahlt sich langfristig aus. Der Kunde hat bei Zotter das Gefühl, etwas Besonderes in der Hand zu halten. Das ist eine gute Basis für Mundpropaganda. Die Leute reden von der Ananas-Paprika-Sorte und kaufen dann die Nougat-Variationen.
  • Behandle Deine Partner fair. Faire Vertriebspartner sollten fair behandelt werden. Neue Vertriebspartner werden nur aufgenommen, wenn sie den bestehenden Partner nicht den Markt abgraben und mit großen Ketten wird grundsätzlich nicht zusammengearbeitet. Und nur wenn Du Deine Lieferanten fair bezahlst, erhältst Du die beste Qualität.
  • Die Verpackung ist zur Marke geworden. Die Verpackung ist die beste Werbung.
  • Die neuen Trends werden nicht von Trendforschern aufgespürt, sondern einfach bei den Kunden ausprobiert. Es gibt keine Marktforschung, sondern die Kunden sind die „Versuchswiese“.
  • Neue Innovationen sind die beste Basis für Wachstum.
  • Um die Qualität zu sichern, muss eine hohe Produktionstiefe gewährleistet sein. Für die Lieferanten musst Du transparente Qualitätsstandards setzen.

Wenn Sie mehr darüber erfahren möchten, was Regelbrecher ausmacht, lesen Sie bitte unseren Ratgeber Special „Neue Geschäftsideen finden: Regeln brechen“. Und wenn sie erfahren möchten, wie anderen Marken „Weltruhm“ erlangt haben, empfehlen wir Ihnen das Ratgeber Special „Lessons learned“. Möchten Sie auch Hochpreisprodukte mit geringem Marketingbudget erfolgreich vermarkten? In der Ratgeberrubrik „Buchtipps – Marketing“ erhalten Sie zehn ausgewählte Leseempfehlungen.

Zum Abschluss haben wir noch einen besonderen Buchtipp:

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