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Die Erfolgs-DNA der Schweizer Privatbank Pictet

In vielen Familienunternehmen gilt ein ungeschriebenes Gesetz: Die erste Generation baut es auf, die Zweite baut es aus und die Dritte zerstört oder verkauft es. In diesen Fällen bleibt dann selbst von großen Familiendynastien nur wenig übrig, wie zum Beispiel das Rockefeller-Center oder das Guggenheim-Museum. Laut dem Artikel “Der Fluch der dritten Generation” wird die Wahrscheinlichkeit tatsächlich von Generation zu Generation immer geringer, dass das Familienunternehmen von Familienmitglieder fortgeführt wird. Während noch ca. 66 % der Familienmitglieder die Firma in die 2. Generation führen, schaffen es nur noch 35 % in die dritte und nur noch 15 % in die vierte Generation.

Für dieses Phänomen gibt es zahlreiche Erklärungsversuche. Umso größer die Familie von Generation zu Generation wird, umso größer ist die Gefahr, dass sich die Familienmitglieder untereinander nicht mehr einigen, wer die Führung übernimmt oder im Rahmen von Erbstreitigkeiten die Firma zerschlagen oder verkauft werden muss, damit die Erben adäquat bedient werden können. Bei nicht so vielen Nachfolgern steigt dagegen die Wahrscheinlichkeit, dass der Nachfolger nicht die nötigen Eigenschaften mitbringt, um das Unternehmen der Vorfahren adäquat weiterführen zu können. Und letztlich gehen auch viele reiche Erben den leichteren Weg, indem Sie lieber das ererbte Vermögen ausgeben, als dass sie es weiter anhäufen.

Es gibt aber auch die Ausnahme von der Regel. Und tatsächlich kann man etwas dafür tun, dass ein Familienunternehmen Jahrhunderte überleben kann. Das haben die Autoren Fritz B. Simon, Rudolf Wimmer und Torsten Groth in dem Buch Mehr-Generationen-Familienunternehmen. Erfolgsgeheimnisse von Oetker, Merck, Haniel u. a. herausgearbeitet. Die Erfolgsregel besteht darin, dass die Kleinfamilie reinszeniert wird. Eines der Paradebeispiele im Buch ist die Privatbank Pictet. Das Erfolgsrezept hat Ivan Pictet, der aus Altersgründen als geschäftsführender Gesellschaft der Personengesellschaft ausgeschieden ist, einst wie folgt beschrieben: “Wir sind kein reines Familienunternehmen, vielmehr ein familiengeführtes Unternehmen.” NZZ schreibt dazu:

“Herzstück der Bank Pictet, die das Rechtskleid einer Personengesellschaft trägt, sind die unbeschränkt haftenden Teilhaber, ein sieben- bis neunköpfiges Gremium, das gewissermassen die Kleinfamilie bildet. Allerdings sind verwandtschaftliche Bande nicht das prägende Merkmal dieser Körperschaft, weil auch Nichtfamilienmitglieder in ihm Aufnahme finden. Zur Aufrechterhaltung der Familienidentität reicht es offensichtlich, wenn jeweils zwei der Teilhaber den Namen Pictet tragen. Mit dieser flexiblen Lösung ist sichergestellt, dass eine allfällige Knappheit an talentierten oder gewillten Familienmitgliedern ohne Schaden überwunden werden kann.”

Es gibt aber noch mehr ungeschriebene Gesetze im Bankhaus Pictet, wie die Autoren des o.g. Buches herausgefunden und niedergeschrieben haben. Es dürfen nicht Vater und Sohn oder Bruder gleichzeitig Teilhaber sein, damit Familienstreitigkeiten vom Unternehmen ferngehalten werden. Zudem gibt es ein Drei-Generationen-Modell. Alle zehn Jahre werden zwei bis drei neue Partner zu ernannt, die zwischen 35 und 45 Jahre alt sind und die altershalber ausgeschiedenen Mitglieder ersetzen. Damit sind immer alle wichtigen Altersklassen gleichverteilt vertreten. Und letztlich kann nur der Eigentümer sein, der auch geschäftsführender Partner ist.

Die neuen Partner können sich zum Buchwert an der Bank beteiligen. Und wenn sie die Anteile nicht aus ihrem Vermögen bezahlen können, geben die anderen Partner ihm einen Kredit, den er mit Hilfe der Gewinnausschüttungen in den Folgejahren wieder tilgen kann. Damit soll gewährleistet werden, dass auch tatsächlich geeignete Partner außerhalb der Familie in die Privatbank als geschäftsführende Gesellschafter einsteigen können. Das Talent und nicht das Vermögen sollen vorrangiges Auswahlkriterium für die Auswahl der Partner sein.

Der SeniorTeilhaber Jacques de Saussure sieht in dieser gewollten Durchlässigkeit, neben Familienmitgliedern auch externe Partner einzubinden, eines der wichtigsten Gründe, warum die Privatbank Pictet auch nach 200 Jahren nicht nur selbständig, sondern auch weiterhin erfolgreich ist. Daneben gibt es aber auch noch andere Bestandteile der Pictet-Erfolgs-DNA. So hat sich Pictet immer dafür entschieden, sich von Hochrisikogeschäften wie Kreditgeschäft und Investment Banking fernzuhalten.

Auf der anderen Seite hat Pictet die sich bietenden Expansionschancen genutzt, wie die internationale Expansion und die Erweiterung des Vermögensverwaltungsgeschäftes um das institutionelle Asset Management Geschäft. Dadurch ist Pictet die größte Privatbank Europas geworden, auch, weil andere ehemaligen Privatbanken ihre Unabhängigkeit verloren haben.

Infoquellen: NZZ-Artikel “Grösste Privatbank Europas” und “Der Fluch der dritten Generation”

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