Bootstrapping StartUps

Dieser Artikel wurde zusammen mit Felix Baer, geschäftsführender Gesellschafter der Bruno Interior GmbH, erstellt, der die ersten acht Erfolgsbeispiele beisteuert.

Kann man heute mit einem StartUp schnell durchstarten, ohne zum Startzeitpunkt externe Investoren oder Kreditgeber einzubinden? Ja, und das nennt man dann Bootstrapping. Vorteil ist, dass keine Geldgeber einen in die Geschäftspolitik reinreden können oder einen nicht in eine „Wachstumsfalle“ lotsen. Auf der anderen Seite wächst man dafür i.d.R. langsamer und muss auch sparsamer mit dem vorhanden Geld umgehen sowie schnell den Break Even bzw. einen postiven Cash Flow generieren. Wie geht das. Wir präsentieren hier passende Erfolgsbeispiele.

Bruno Interior
Das Team von Bruno Interior aus Berlin hat es innerhalb kürzester Zeit mit dem Verkauf von Matratzen geschafft einen Millionenumsatz (3 Mio. in 2015) zu generieren und in mehrere europäische Länder zu expandieren. Dabei setzt das StartUp aus Berlin auf ein Konzept mit dem es den etablierten Matratzenherstellern das fürchten lehrt: Eine qualitativ hochwertige Matratze aus umweltfreundlichen Materialien die in Deutschland hergestellt wird, ein einheitliches Modell welches von den Kunden herausragend bewertet (Ø4.9 von 5 Sternen) wird und ein Onlinevertriebsmodell das den teuren Zwischenhändler aus der Gesamtrechnung ausklammert. So kann das Unternehmen die Preise der Konkurrenz mit einem Premiumprodukt unterbieten. Laut einem Interview mit deutsche-startups.de peilen die Geschäftsführer für das Jahr 2016 einen Umsatz von 10 Millionen Euro, die Expansion in weitere Märkte und die Erweiterung der Produktpalette an. Im Gegensatz zu den Konkurrenten, die ebenfalls auf das E-Commerce Modell im Matratzensegment setzen, sind die Gründer Andreas Bauer(28) und Felix Baer(35) völlig unabhängig. Bunsiness Angel oder sonstige Investoren sucht man hier vergebens und der Erfolg gibt ihnen bei dieser Entscheidung Recht.

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Foto: Felix Baer (rechts), Andreas Bauer (links)

MyMuesli – Müsli nach (eigener) Wahl
Besonders beeindruckend bei MyMüsli ist der Einsatz, mit dem die Gründer ihre Ziele verfolgen. Aus der eigenen WG die ersten Produkte verschickt, Säcke mit Haferflocken von Hand in den ersten Stock schleppen, hartnäckig am Ball bleiben wenn andere dich und deine Idee belächeln. Das ist die Einstellung, an der wir uns ein Beispiel nehmen können und müssen. Nur so schafft man es über anfängliche Schwierigkeiten hinweg in die Gewinnzone zu kommen. Die Idee an sich war natürlich außergewöhnlich gut, das Timing ebenso. Allerdings zeigt die Geschichte von myMuesli auch, dass Teamwork und Einsatzbereitschaft aus einer guten Idee erst ein erfolgreiches Business machen. Vor den großen Erfolgen, in das hart umkämpfte Sortiment von Supermärkten aufgenommen zu werden, eigene stationäre Läden in vielen deutschen Städten zu betreiben und in viele europäische Länder zu exportieren kann man nur den Hut ziehen. Auch myMuesli hat mitlerweile Investoren mit im Boot, was aber die überdurchschnittliche, anfänglich eigenfinanzierte Leistung nicht schmälert sondern das Ergebnis von harter Arbeit darstellt.

Chal-Tec – Onlineshop für Elektronikartikel
Die Geschichte hinter Chal-Tec ist inspirierend. Der Gründer, Peter Chaljawski, fing als 19 jähriger Ebay-Seller an und macht heute einen Jahresumsatz im fast dreistelligen Millionenbereich und beschäftigt über 300 Mitarbeiter mit seinem E-Commerce Unternehmen, welches sich auf Elektronikartikel spezialisiert hat. 2015 ist Ardian als Investor mit 40% eingestiegen. Dennoch bleibt Chal-Tec ein StartUp, welches allein durch Bootstrapping groß geworden ist. Ab dem ersten Jahr an war das Unternehmen profitabel, was ein Indiz für die hohe Disziplin des Gründers ist. Eine weitere Besonderheit ist, dass Chal-Tec ein beispiel dafür ist, dass Gründer auch alleine erfolgreich sein können. Die meisten StartUps bestehen heute aus einem Gründerteam. Das ist in der Regel eine nachhaltigere Führungsstrategie, zeigt aber auch die besondere Leistung Chaljawskis auf.

Braufässchen der Customized Drinks GmbH
Wie der Name schon vermuten lässt dreht es sich bei dem von Dominik Guber, Ping Lu und Wofgang Westermeier gegründeten StartUp um Getränke. Um genau zu sein um das flüssige Gold, Bier. Die drei Gründer erkannten die bereits länger anhaltende positive Entwicklung des Craft-Bier Marktes und nutzen den „Hype“ um ihre personalisierten Brau-kits an den Mann bzw. die Frau zu bringen. Der Prozess folgt in den drei Schritten Auswählen-Brauen-Genießen und setzt genau dort an, wo es weh tut: Am eingefahrenen Bierkonsum. Die einheitlich schmeckenden deutschen Stammmarken der Großbrauereien sind nicht das, was junge Kunden von einem Bier erwarten. Großartig wie die jungen Unternehmer diese Entwicklung in ein Online-Produkt gießen konnten.
http://www.braufaesschen.com/

Kaufda – digitale Wurfsendungen
Eigentlich hört sich das Konzept so einfach an. Kaufda transferiert die klassischen haptischen Angebote der Wurfsendungen ins digitale Zeitalter und macht Sie in einer einzigen App zugänglich. Die Digitalisierung einer ganzen Branche ist quasi auf dieses Angebot zurückzuführen. Der Axel Springer Verlag besitzt mittlerweile die Mehrheitsreche an kaufda, gestartet wurde es jedoch als bootstrapping-Projekt.

Ergobag Schulrucksack
Florian Michajlezko und Sven-Oliver Pink sind die Köpfe hinter dem Ergobag, einem Schulranzen mit den Eigenschaften eines ergonomischen Wanderrucksacks. Der Markt auf den sich die beiden Gründer gewagt haben ist extrem umkämpft. Player wie Scout, Samsonite, Herlitz oder McNeil dominierten mit ihren Einheits-Kastensystemen den Markt. Das StartUp hat erkannt, dass es mit einer innovativen Kombination aus Trekking- und Schulrucksack eine Nachfrage befriedigen bzw. neu kreieren kann. Das Tempo von der Idee bis zur Umsetzung war hier besonders beeindruckend. Es wurde keine Zeit verschwendet und die etablierten Wettbewerber hatten kaum Zeit zu reagieren.

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Orderbird – Kassensystem via Tablet
Jakob Schreyer und Bastian Schmidtke sind die Gründer von Orderbird. Die Digitalisierung von Prozessen in der Gastronomie ist eine heikle Sache. Gastronomen weichen nur ungern von jahrelang erlernten Prozessen und Abläufen ab, vor allem, wenn das neue System anfängliche Investitionen voraussetzen. Nichts desto trotz war und ist das Team von Orderbird.com mit ihrem System erfolgreich. Das iOs-basierte Kassensystem, welches die Bestellprozesse für das Servicepersonal stark vereinfacht und beschleunigt, bietet das System weitere Möglichkeiten wie die Direktbestellung des Kunden vom Tisch oder die automatische Bestellung bei Lieferanten. Besonder beeindruckend ist hier der Mut mit dem das Team auf den Markt drängt und Testimonials in der Gastro-Szene davon überzeugt hat, auf ihr System umzusteigen.

Eatclever – Feelgood Food Delivery
Was eatclever so besonders macht ist die Art und Weise wie dort kommuniziert wird. StartUps haben oft das Problem, dass wir uns wichtiger nehmen als es die Umwelt tut und man dann schnell belächelt wird. Die Jungs von Eatclever sind da anders. Eine offene und direkte Kommunikation sorgt dafür, dass zukünftige Mitarbeiter direkt und klar mit der Realität konfrontiert werden. Einen Satz wie „Nächsten Monat könnten wir pleite sein.“ habe ich noch von keinem CEO gehört, obwohl die Geschäfte eine solche Aussage oftmals gerechtfertigt hätten. Mit der Art und Weise von eatclever werden nachhaltig Talente auf Augenhöhe rekrutiert. Ihnen wird der „Ernst der Lage“ vermittelt. So wird die Spreu vom Weizen getrennt und es herrscht direkt eine motivierende und fordernde Umgebung.

WeTransfer – Filehosting-Dienst
2009 gründeten die Niederländer Ronald Hans und Bas Beerens mit WeTransfer einen Filehosting-Dienst, mit dem Dateien transferiert werden können, die für E-Mail-Anhänge zu groß sind. Auch wenn die meisten Kunden die kostenfreie (werbefinanzierte) Version nutzen, macht das Unternehmen zweistellige Millionenumsätze pro Jahr und erreichte 2013 den Break Even. Das lag auch daran, dass WeTransfer eine schlanke Lösung inkl. schlanker Firmenstrukturen anbietet. Nach mehr als fünf Jahren Bootstrapping stieg Anfang 2015 Highland Capital Partners mit einer Beteiligungssumme in Höhe von 25 Mio USD Dollar ein. Vorteil des späten Einstiegs von Investoren bestand darin, dass die Gründer freie Wahl bei den Investoren hatten und nur eine Minderheitsbeteiligung abgeben mussten.

Echte Leidenschaft statt Beteiligungskapital: Shoepassion ist das Anti-Zalando
Anders als vergleichbare Start-ups verzichtete einstige Online-Pure-Player SHOEPASSION.com in den Gründungsjahren auf klassisches Venture Capital und setzte stattdessen auf Bootstrapping. Der vermeintliche Wettbewerbsnachteil stellte sich als Vorteil heraus, da Investitionen immer doppelt hinterfragt wurden und niemand im Hintergrund das Team mit der Wachstumskeule bedrohte. Die Idee der Gründer war es, eine eigene Schuhmarke zu kreieren und diese Qualitätsprodukte unter Auslassung des Zwischenhandels und mit viel Liebe zum Detail an Schuhbegeisterte kostengünstig weiterzugeben. Zu Beginn wurden die Schuhe nur über eine eigene Webseite vertrieben, mittlerweile gibt es auch eigene Geschäfte. Dank Bankfinanzierung wird jetzt auch offline expandiert.

Frankfurter Brett ist erste „Werkbank“ für die Küche
Der Koch Johannes Schreiter hat zusammen mit seinem Bruder das Frankfurter Brett erfunden. Hierbei handelt es sich um viel mehr als ein Schneidebrett, sondern vielmehr um die erste „Werkbank“ für die Küche. Die Idee kam, als sie einen anderen Koch dabei beobachten, wie er eine Lebensmittelschale unter ein Schneidebrett klemmte und so viel schneller und sauberer als seine Kollegen arbeiten konnte. Das brachte die Brüder auf die Idee, ein ganzes System bestehend aus Schneidebrett und Schälchen zu entwickeln. Sie nennen selber ihren Weg als „Bootstrapping-Crashkurs deluxe“. Im Rahmen der Markteinführungsphase konnten Sie auf kickstarter mehr als 130.000 EUR einsammeln. Für eine Non-Tech-Erfindung eine beachtliche Summe. Etwas frech finden wir nur, dass der Firmensitz der Frankfurter Brett GmbH in Offenbach ist.

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Sprout wächst dank Lieferantenkredite dynamisch und baut mit einem Patent Markeintrittsbarrieren auf
Nicht immer muss man der Erfinder eines Produktes sein, um nachhaltig Erfolg zu haben. So erwarb der Däne Michael Stausholm im Jahr 2013 von drei Ingenieur-Studenten des Massachusetts Institute of Technology die Vertriebsrechte (für Europa) für einen Bleistift, aus dem eine Kräuterpflanze sprießt. Da er zu Beginn keine Banken und Investoren fand, entschied er sich, mit Hilfe von Lieferantenkrediten und Vorauskasse der Kunden zu finanzieren. Not macht eben erfinderisch. Spätestens, als der italienische Energieriese Enel 400.000 Stifte bestellte, dämmerte dem Entrepreneur, auf welcher „Goldader“ er saß. Schnell entschied er sich, die Patente von den Studenten (im Jahr 2014) abzukaufen, um die „Ernte“ komplett einfahren zu können. Mittlerweile verkauft Sprout ca. 500.000 Bleistifte pro Monate. Dabei spielte der Gründer auf einer breiten Klaviatur der Schlüsselressourcen.

Faltin´s Teekampagne
Prof. Faltin ist Verfechter des Konzeptes „Gründen in Komponenten“, sprich alle Leistungen outzusourcen, die nicht zum Kerngeschäft gehören und andere besser und billiger durchführen können. Dadurch kann man auch als Kleiner schnell groß werden, ohne dabei große Risiken eingehen zu müssen. Zudem bleiben die Fixkosten sehr gering, weshalb man keine große Margen braucht, um erfolgreich am Markt zu bestehen. Aber genau solch eine Strategie sei schlecht zu kopieren. Sein „Referenzprojekt“ für diese Theorie ist die „Teekampagne“. Die Firma Teekampagne mit Darjeeling-Tee bietet hochqualitativen Tee zu „unschlagbar“ günstigen Preisen an, da die Handelskette verkürzt wurde und der Tee nur in großen „Loseinheiten“ an den Endkunden verkauft wird. Zudem verzichtet die Teekampagne auf kostenintensive Werbekampagnen und verlässt sich auf das Empfehlungsmarketing durch die Kunden.

meinSpiel – echte (Karten) Spiele selber machen
Auf meinspiel wird eine Konfigurator zur Verfügung gestellt, der es ermöglicht, kinderleicht auch eine Kleinauflage von Kartenspielen erstellen zu lassen. Obwohl die Gründer schon vorher gutes Geld als Verleger von Kartenspielen verdient haben, reichte das Geld nicht aus, um vor einigen Jahren den Onlinekonfigurator programmieren lassen zu können, um mehr Kundenzielgruppen als bisher anzusprechen. Die Lösung bestand darin, Großaufträge von Kunden an Land zu ziehen, um damit die Investitionskosten für den Konfigurator generieren zu können. Ein schönes Beispiel für Bootstrapping.

Mitmachmagazin De Correspondet finanzierte sich durch Vorauszahlung seiner Leser

Kann man heute noch eine Zeitschrift gründen, die nur online erscheint (mit einer Paywall) und nur durch die Abogebühren der Leser finanziert werden kann? Es geht, wie das Erfolgsbeispiel der holländischen Online-Zeitschrift „De Correspondent“ eindrucksvoll beweist. Alles fing im März 2013 mit einer breit angelegten Crowdfundingkampagne auf der Webseite der Zeitschrift an. Es wurden Abonnenten gesucht, die vorab 60 EUR Jahresbeitrag zahlen würden. Am Ende der vierwöchigen Crowdfundingkampagne konnten 19.000 Abonnenten vermeldet werden. Die Zahl der Abonnenten konnte vor dem Start auf mehr als 24.000 erhöht werden. Dieses Beispiel zeigt, dass man mit (reward based) Crowdfunding nicht nur Markttests durchführen, sondern auch Projekte durch zukünftige Kunden vorfinanzieren lassen kann.

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